Sie sind wieder da!
Rudolf Lavant · 1844–1915
80 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Nun weht es schneidend scharf und kühlDurch Nebelbrau’n herab vom Norden;Am Strand das modische GewühlIst dünner jeden Tag geworden;Im Dünensand hat ausflanirtDer Schwarm der großkarrirten Narren,Und in den Schuppen einquartirtMan stillvergnügt die Badekarren.
Nun wird an hohlem ZeitvertreibMan in der Großstadt wieder naschen –Man hat sich eben nur den Leib,Man hat die Seele nicht gewaschen.Man wollte ja an Sund und HaffNicht mit dem Ew’gen sich vermählen,Die Nerven nur, die müd’ und schlaff,Zu kräftigem Genießen stählen.
Sie haben an des Meeres StrandSich nicht gebeugt vor Urgewalten,Sie haben sich mit eitlem Tand,Wie an der Spree, hübsch unterhalten;Dem ganzen schwatzenden GemischVon Haken- und Germanennasen –Hat ihm ein Seewind herb und frischDer Seele trüben Dunst zerblasen?
Hat sie der Salzfluth AthemzugErfüllt mit männlichen Gedanken,Hat er ersetzt durch kühnen FlugDie Niedrigkeit, an der sie kranken?Hat er, wie Hauch der neuen Zeit,Erneuert sie im tiefsten Leben,Der Seele Kampfesfreudigkeit,Dem Rückgrat wieder Halt gegeben?
Und hat, wenn hoch und höher stiegDie Fluth mit hohlem, dumpfem Brausen,Des finstern Elementes SiegGeweckt ein ahnungsvolles Grausen?Und mahnte doch es an den Feind,Den halb erst aufgestandnen Riesen,Hieß es frivol nicht: „Never mind!Nach uns die Sintfluth! Wir genießen!“
Was haben sie am Meer gedacht,Am fluth- und schaumgenetzten Mole?Wie man sein Bett sich weicher machtDurch Zölle und durch Monopole,Wie man das Wahlrecht langsam kürzt,Bis es zuletzt im Herrn entschlafen,Wie man die Strafgesetze würztDurch „zeitgemäße“ Paragraphen!
Was haben sie am Meer geträumtIm Morgenlicht, in Abendhelle,Wenn ihre Sohle leicht beschäumtDie am Gestad’ gebrochne Welle?Wie man es aus den Fugen bringt,Des Volkes Recht, mit goldnen Hebeln,Wie es am sichersten gelingt,Die Presse elegant zu knebeln!
Wie man zurückerobern kannDie Freiheit, die man selbst verscherzte –Wo war der wunderliche Mann,Der schrullenhafte, doch beherzte,Der, wenn der Möve Schrei geklagt,Die Sonne sank in goldnen Gluthen,Sich ernst und sinnend das gefragtUnd sich gelobt, für sie zu bluten?
Die Freiheit höhnt jetzt jeder Zwerg,Und untreu wird ihr selbst der Barde;Der Gentleman von HeidelbergUnd Windthorst’s rüst’ge schwarze Garde,Wie mancher Standpunkt sie auch trennt,Höchst einig sind sie über diesen –Die Freiheit, die kein Obdach kennt,Sieht zu den Zöllnern sich verwiesen.
So war es einst, so ist es jetzt –Sie findet Liebe und Erbarmen,Sie findet Schirm, verfehmt, gehetzt,Nur bei den Zöllnern und den Armen.Mit ihnen aber – glaubt es nur –Wird sie die Frühlings-BirkhahnbalzenUnd selbst die Herbstes-SeebadkurEuch ungemüthlich einst – versalzen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, S. 20–22, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sie sind wieder da!“, Fassung 3.779.303 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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