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Versbuch

Kuttel Daddeldu und die Kinder

Joachim Ringelnatz · 18831934

66 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1924

Wie Daddeldu so durch die Welten schifft,Geschieht es wohl, daß er hie und daEins oder das andre von seinen Kindern trifft,Die begrüßen dann ihren Europapa:„Gud morning! – Sdrastwuide! – Bong Jur, Daddeldü!Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching–tschung! Bablabü!“Und Daddeldu dankt erstaunt und gerührtUnd senkt die Hand in die HosentascheUnd schenkt ihnen, was er so bei sich führt,– – Whiskyflasche,Zündhölzer, Opium, türkischen Knaster,Revolverpatronen und Schweinsbeulenpflaster,Gibt jedem zwei Dollar und lächelt: „Ei, ei!“Und nochmals: „Ei, Ei!“ – Und verschwindet dabei.

Aber Kindern von deutschen und dänischen WitwenPflegt er sich intensiver zu widmen.Die weiß er dann mit den seltensten StückenAus allen Ländern der Welt zu beglücken.Elefantenzähne – Kamerun,Mit Kognak begoss’nes malaiisches Huhn,Aus Friedrichroda ein Straußenei,Aus Tibet einen Roman von Karl May,Einen Eskimoschlips aus Giraffenhaar,Auch ein Stückchen versteinertes Dromedar.

Und dann spielt der poltrige DaddelduVerstecken, Stierkampf und Blindekuh,Markiert einen leprakranken Schimpansen,Lehrt seine Kinderchen Bauchtanz tanzenUnd Schiffchen schnitzen und Tabak kauen.Und manchmal, in Abwesenheit älterer Frauen,Tätowiert er den strampelnden KleinchenAnker und Kreuze auf Ärmchen und Beinchen.

Später packt er sich sechs auf den SchoßUnd läßt sich nicht lange quälen,Sondern legt los:Grog saufen und dabei Märchen erzählen;Von seinem Schiffbruch bei Helgoland,Wo eine Woge ihn an den StrandAuf eine Korallenspitze trieb,Wo er dann händeringend hängenblieb.Und hatte nichts zu fressen und saufen;Nicht mal, wenn er gewollt hätte, einen Tropfen Trinkwasser, um seine Lippen zu benetzen,Und kein Geld, keine Uhr zum Versetzen.Außerdem war da gar nichts zu kaufen;Denn dort gab’s nur Löwen mit Schlangenleiber,Sonst weder keine Menschen als auch keine Weiber.Und er hätte gerade so gern einmal wiederEin kerniges Hamburger Weibstück besucht.Und da kniete Kuttel nach Osten zu nieder.Und als er zum drittenmal rückwärts geflucht,Da nahte sich plötzlich der Vogel Greif,Und Daddeldu sagte: „Ei wont ä weif.“Und der Vogel Greif trug ihn schnellBald in dies Bordell, bald in jenes BordellUnd schenkte ihm Schlackwurst und Schnaps und so weiter. –So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –Märchen, die er ganz selber erfunden.Und säuft. – Es verfließen die Stunden.Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,Und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –Hat sich schon zweimal dabei übergeben.Und um die Ruhe nicht länger zu stören,Verläßt er leise Mutter und Göhren.

Denkt aber noch tagelang hinter SizilienAn die traulichen Stunden in seinen Familien.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Kuttel-Daddeldu, S. 36, 39–40, Kurt Wolff Verlag, München, 1924
Digitalisat
de.wikisource.org — „Kuttel Daddeldu und die Kinder“, Fassung 3.778.809 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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