Poseidon
Heinrich Heine · 1797–1856
51 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Die Sonnenlichter spieltenUeber das weithinrollende Meer;Fern’ auf der Rhede glänzte das Schiff,Das mich zur Heimath tragen sollte;Aber es fehlte an gutem Fahrwind,Und ich saß noch ruhig auf weißer Dühne,Am einsamen Strand,Und ich las das Lied vom Odysseus,Das alte, das ewig junge Lied,Aus dessen meerdurchrauschten BlätternMir freudig entgegenstiegDer Athem der Götter,Und der leuchtende Menschenfrühling,Und der blühende Himmel von Hellas.
Mein edles Herz begleitete treulichDen Sohn des Laertes, in Irrfahrt und Drangsal,Setzte sich mit ihm, seelenbekümmert,An gastliche Heerde,Wo Königinnen Purpur spinnen,Und half ihm lügen und glücklich entrinnenAus Riesenhöhlen und Nymphenarmen,Folgte ihm nach in kimmerische Nacht,Und in Sturm und Schiffbruch,Und duldete mit ihm unsägliches Elend.
Seufzend sprach ich: Du böser Poseidon,Dein Zorn ist furchtbar,Und mir selber bangtOb der eignen Heimkehr.
Kaum sprach ich die Worte,Da schäumte das Meer,Und aus den weißen Wellen stiegDas schilfbekränzte Haupt des Meergotts,Und höhnisch rief er:
Fürchte dich nicht, Poetlein!Ich will nicht im g’ringsten gefährdenDein armes Schiffchen,Und nicht dein liebes Leben beängst’genMit allzubedenklichem Schaukeln.Denn du, Poetlein, hast nie mich erzürnt,Du hast kein einziges Thürmchen verletztAn Priamos heiliger Veste,Kein einziges Härchen hast du versengtAm Aug’ meines Sohns Polyphemos,Und dich hat niemals rathend beschütztDie Göttin der Klugheit, Pallas Athene.
Also rief PoseidonUnd tauchte zurück in’s Meer;Und über den groben SeemannswitzLachten unter dem WasserAmphitrite, das plumpe Fischweib,Und die dummen Töchter des Nereus.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Nordsee, Erster Cyklus, S. 320–322, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Poseidon“, Fassung 3.778.847 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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