Sorge
Otto Ernst · 1862–1926
101 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Willkommen, stiller Mond, im Schlafgemach!Gieß deine Lichtflut neben mich aufs KissenUnd laß in deine Strahlen mich die bleichenGedanken meines Grames flechten!
Wohl,Du bist gewohnt, der Liebe sanfte Klagen,Der Wonne Hauch als Opfer zu empfangen,Und Glück, das in verschwiegner Nacht erblüht,Vor dem verwandten Zauber deines LichtesErschließt es seufzend seinen Kelch. Doch ich –Mit der gemeinsten Sorge nah ich dir,Und deine Freundschaft, dein Vertraun erfleh ichIn wacher Einsamkeit der stummen Nacht.Ja, küsse dieses Weib! Sieh, wie erlöstIhr edles Haupt ins Kissen hingesunken!Ist sie nicht schön? Die Arme ausgebreitet,Die Lippen warm erschlossen – hingegebenDer Wonne ganz, vom Tag erlöst zu sein.Befreit von niedrer Sorge und nun ganzEin Engel! Ja, verweil’ mit deinem LichteAuf dieser Stirn, versenk’ ihr Träumen ganzIn deine Silberflut! Ein hoher GeistTräumt hinter dieser Stirn von lichten Tagen.Doch ihn erdrückt des Tages harte Last,Und er erstickt im Staube.
„Nahrung — Brot!“In diesem Schrei stirbt unser Leben hin.
Vergebens hehl ich ihr die grasse Not:Verstellung schmilzt so bald im Strahl der Liebe!Im Strahl der Liebe? Will er nicht erblassen?In Hungers Knechtschaft ringen sie und ichMit Arm und Geist, und atemlos geschäftigGehn wir am Tag einander stumm vorbei.Kaum noch gekannt lebt einer mit dem andern,Des Glücks nicht achtend ob der größern Not,Durch Leid entfremdet nicht, allein durch Sorge.„Fürs nackte Leben heisch ich eure Kraft,“So schreit uns Armut an, „und nicht fürs Lieben.Was brauchen Bettler denn das FestgewandDer Liebe, um ihr Leben dreinzuhüllen!Das ist mein Fluch, das ist mein rastlos Mühn:Die Seelen so mit Sorge zu umklammern,Daß sie einander nie gehören könnenUnd müd und stumpf der Liebe sich entwöhnen!“
Siehst du, o Mond, auf deiner weiten BahnNoch irgendwo im reichen ErdengartenAus dunkler Nacht so duft'ge Rosen blühnWie diese Kinder? Du umschmeichelst selbstDer zarten Glieder weiche LieblichkeitMit sanfter Welle. Sieh, ein Händchen haschtIm Traum nach Früchten, die der Traum gereift!Die Lippen lallen Worte eines Spiels –Ein helles Lachen jetzt — und ganz im Schlaf,Im festen, ruhigen, zufriednen Schlaf!Sie atmen noch im Ganzen der Natur;Ihr Leben Traum, und selbst ihr Traum noch Leben.Ein Engel hütet sie: sie pflücken BlumenAm Abgrund unsres Elends …
O verdammtSei diese ew’ge Qual und gift’ge Pein!Willkommen, Schmerz! Zerreiße du mein Inn’resUnd laß mein Blut dahin in Strömen fließen,So will ich sterben und die Erde segnen!Laß mich auf deinem Schlachtfeld sterben, Erde;Allein erstick mich nicht durch deinen Schlamm,Durch deinen eklen Kot! Ist’s denn erlaubt –Daß diesen wunderbaren Bau des HirnsIn tausend Windungen nur ein GedankeDurchkreist, daß eine einz’ge Mahnung nurIn diesem Herzen klopft und pocht und daßSich dieser Lebens reicher Quell erschöpftNur um das Eine: daß wir fressen können?O Schmerz, ein Sohn des Himmels bist du sonst;Erlosch'ne Geister schürst du wieder anZu hellen Bränden; aus verdorrten HerzenLockst du in heißen Wellen rotes Blut;Die Stirn des schwachen Menschen schmückst du herrlichMit Götterglanz; den Weg durch Meer und WüsteFührt ihn fortan des Trotzes Feuersäule.Doch diese Sorg’ ums Brot – o pfui – sie istEin widerwärtiges, gemeines Weib,Das unverschämt im Haus die Herrin spielt,Auf off'nem Markt sich in den Arm uns hängt,Vor Edlen uns erröten macht, zugleichVor Schurken uns erniedrigt. Heilig istKein Winkel ihr in unserm ganzen Innern;Sie höhnt mit schutz’gem Lachen unsre AndachtUnd speit auf unsern Stolz. Ja selbst, wenn Krankheit,Wenn Tod uns und Verrat zu Boden schlugen,So hockt sie triumphierend an den HerdUnd sucht mit frechem Grinsen unsern Blick,Wenn er ins Leere starrt …
Du schwindest, Mond;O fliehe nicht; denn ich bin einsam, rauntDer Tod aus meinen Kissen … Nein, ans Fenster!Ich will dich sehen, bis du ganz versinkst.Laß mich mit dir durchwandeln diese Nacht!Laß durch den Nebel, der mein Haupt umwogt,Die Ströme deines weißen Lichtes rinnen –Vielleicht ertastet doch mein müder GeistNach aller Qual den Weg zur Morgensonne! –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 24–27, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sorge (Ernst)“, Fassung 3.575.584 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.