Lethe
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Jüngst im Traume sah ich auf den FlutenEinen Nachen ohne Ruder ziehn,Strom und Himmel stand in matten GlutenWie bei Tages Nahen oder Fliehn.
Saßen Knaben drin mit Lotoskränzen,Mädchen beugten über Bord sich schlank,Kreisend durch die Reihe sah ich glänzenEine Schale, draus ein Jedes trank.
Jetzt erscholl ein Lied voll süßer Wehmuth,Das die Schaar der Kranzgenossen sang –Ich erkannte deines Nackens Demuth,Deine Stimme, die den Chor durchdrang.
In die Welle taucht’ ich. Bis zum MarkeSchaudert’ ich, wie seltsam kühl sie war.Ich erreicht’ die leise zieh’nde Barke,Drängte mich in die geweihte Schaar.
Und die Reihe war an dir, zu trinkenUnd die volle Schale hobest du,Sprachst zu mir mit trautem Augenwinken:„Herz, ich trinke dir Vergessen zu.“
Dir entriß in trotz’gem LiebesdrangeIch die Schale, warf sie in die Flut,Sie versank und siehe, deine WangeFärbte sich mit einem Schein von Blut.
Flehend küßt’ ich dich in wildem Harme,Die den bleichen Mund mir willig bot,Da zerrannst du lächelnd mir im ArmeUnd ich wußt’ es wieder – du bist todt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 169-170, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Lethe (Meyer)“, Fassung 2.085.810 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.