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Versbuch

Geburt der Venus

Rainer Maria Rilke · 18751926

63 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1907

An diesem Morgen nach der Nacht, die bangvergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr, —brach alles Meer noch einmal auf und schrie.Und als der Schrei sich langsam wieder schloßund von der Himmel blassem Tag und Anfangherabfiel in der stummen Fische Abgrund —:gebar das Meer.

Von erster Sonne schimmerte der Haarschaumder weiten Wogenscham, an deren Randdas Mädchen aufstand, weiß, verwirrt und feucht.So wie ein junges grünes Blatt sich rührt,sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlägt,entfaltete ihr Leib sich in die Kühlehinein und in den unberührten Frühwind.

Wie Monde stiegen klar die Knie aufund tauchten in der Schenkel Wolkenränder;der Waden schmaler Schatten wich zurück,die Füße spannten sich und wurden licht,und die Gelenke lebten wie die Kehlenvon Trinkenden.

Und in dem Kelch des Beckens lag der Leibwie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.In seines Nabels engem Becher wardas ganze Dunkel dieses hellen Lebens.Darunter hob sich licht die kleine Welleund floß beständig über nach den Lenden,wo dann und wann ein stilles Rieseln war.Durchschienen aber und noch ohne Schatten,wie ein Bestand von Birken im April,warm, leer und unverborgen lag die Scham.

Jetzt stand der Schultern rege Wage schonim Gleichgewichte auf dem graden Körper,der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstiegund zögernd in den langen Armen abfielund rascher in dem vollen Fall des Haars.

Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:aus dem verkürzten Dunkel seiner Neigungin klares, wagrechtes Erhobensein.Und hinter ihm verschloß sich steil das Kinn.

Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahlund wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,streckten sich auch die Arme aus wie Hälsevon Schwänen, wenn sie nach dem Ufer suchen.

Dann kam in dieses Leibes dunkle Frühewie Morgenwind der erste Atemzug.Im zartesten Geäst der Aderbäumeentstand ein Flüstern, und das Blut begannzu rauschen über seinen tiefen Stellen.Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sichmit allem Atem in die neuen Brüsteund füllte sie und drückte sich in sie, —daß sie wie Segel, von der Ferne voll,das leichte Mädchen nach dem Strande drängten.

So landete die Göttin.

Hinter ihr,die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,erhoben sich den ganzen Vormittagdie Blumen und die Halme, warm, verwirrtwie aus Umarmung. Und sie ging und lief.

Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,hob sich das Meer noch einmal auf und warfeinen Delphin an jene selbe Stelle.Tot, rot und offen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 96, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Geburt der Venus“, Fassung 3.779.987 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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