Die Nacht am Strande
Heinrich Heine · 1797–1856
70 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Sternlos und kalt ist die Nacht,Es gährt das Meer;Und über dem Meer’, platt auf dem Bauch,Liegt der ungestaltete Nordwind,Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme,Wie’n störriger Griesgram, der gutgelaunt wird,Schwatzt er in’s Wasser hinein,Und erzählt viel tolle Geschichten,Riesenmährchen, todtschlaglaunig,Uralte Sagen aus Norweg,Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult erBeschwörungslieder der Edda,Graue Runensprüche,So dunkeltrotzig und zaubergewaltig,Daß die weißen MeerkinderHochaufspringen und jauchzen,Uebermuth-berauscht.
Derweilen, am flachen Gestade,Ueber den fluthbefeuchteten Sand,Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen,Das wilder noch als Wind und Wellen;Wo er hintritt,Sprühen Funken und knistern die Muscheln,Und er hüllt sich fest in den grauen Mantel,Und schreitet rasch durch die wehende Nacht;Sicher geleitet vom kleinen Lichte,Das lockend und lieblich schimmertAus einsamer Fischerhütte.
Vater und Bruder sind auf der See,Und mutterseelallein blieb dortIn der Hütte die Fischertochter,Die wunderschöne Fischertochter.Am Heerde sitzt sieUnd horcht auf des WasserkesselsAhnungssüßes, heimliches Summen,Und schüttet knisterndes Reisig in’s Feuer,Und bläßt hinein,Daß die flackernd rothen LichterZauberlieblich wiederstrahlenAuf das blühende Antlitz,Auf die zarte, weiße Schulter,Die rührend hervorlauschtAus dem groben, grauen Hemde,Und auf die kleine, sorgsame Hand,Die das Unterröckchen fester bindetUm die feine Hüfte.
Aber plötzlich, die Thür springt auf,Und es tritt herein der nächtige Fremdling;Liebesicher ruht sein AugeAuf dem weißen, schlanken Mädchen,Das schauernd vor ihm steht,Gleich einer erschrockenen Lilie;Und er wirft den Mantel zur Erde,Und lacht und spricht:
Siehst du, mein Kind, ich halte Wort,Und ich komme, und mit mir kommtDie alte Zeit, wo die Götter des HimmelsNiederstiegen zu Töchtern der Menschen,Und die Töchter der Menschen umarmten,Und mit ihnen zeugtenZeptertragende KönigsgeschlechterUnd Helden, Wunder der Welt.Doch staune, mein Kind, nicht längerOb meiner Göttlichkeit,Und ich bitte dich, koche mir Thee mit Rum,Denn draußen war’s kalt,Und bei solcher NachtluftFrieren auch wir, wir ewigen Götter,Und kriegen wir leicht den göttlichsten Schnupfen,Und einen unsterblichen Husten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Nordsee, Erster Cyklus, S. 316–319, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Nacht am Strande“, Fassung 3.779.266 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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