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Versbuch

Träumerei auf einem Havelsee

Kurt Tucholsky · 18901935

50 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1929

Ich bin Prokurist einer Wäschefabrik,Sternberg, Guttmann & Sohn.Mein Segelboot heißt „Heil und Sieg“,zwei Stunden lieg ich hier schonund seh auf die Kiefern und in das Wasser hinein –auf meinem Boot ganz allein.

Urlaub hatte ich im August,ich war in Norderney,mit Lilly… ihre linke Brustsieht aus wie ein kleines Ei.Wenn man sie da kneift, dann wird sie gemein –auf meinem Boot ganz allein.

Graske ist ein gemeiner Hund,ein falsches Aas – er tut bloß so…er weiß, der Alte ist nicht ganz gesund;wenn mans merkt, bleibt er länger im Bureau.Und dem Junior kriecht er jetzt auch hinten rein –auf meinem Boot ganz allein.

Mutter wird alt. Wie alt… warte mal:vierundsechzig, nein: achtundsechzig, genau.Grete soll ganz still sein; sie pöbelt mit ihrem Personalwie eine Schlächtersfrau.Ich frage mich: muß eigentlich Verwandtschaft sein?auf meinem Boot ganz allein.

Ich habe es schließlich zu was gebracht,ich geh auf den Presseball;auf Reisen fahre ich Zweiter; die Jachthier hieß früher „Nachtigall“.

Quatsch. Jetzt heißt sie richtig. Manchmal lade ich Willi und Ottmar ein –nein, Ottmar nicht, der hat mich bei den jungen Aktiennicht mitgenommen – schließlich werde ich dem Affen dochnicht nachlaufen, das hab ich nicht nötig; stehen jetzt 192,193… wo ist denn die Zeitung? –auf meinem Boot ganz allein.

Das ist meine liebste Erholungszeit,auf meinem Boot ganz allein.Kein Mensch ist zu sehen weit und breit –kann man einsamer sein?Eine Welle gluckst. Ich bin einsam. Zwardie Inventur beginnt morgen,und wie die Sirenen mit schwimmendem Haarziehen im See meine Sorgen:

Lilly, Mama und die Wäschefabrik,die Reparatur von „Heil und Sieg“,Graske und Ottmar, der Egoist;wer im Silbenrätsel „Fayence-Maler“ ist –;der Krach mit dem Chef von der Expedition;die Weihnachtsgratifikation –sonst aber schwimme ich hier im märkischen Sonnenschein –auf meinem Boot ganz allein.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Lächeln der Mona Lisa, S. 363–364, Rowohlt, Berlin, 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Träumerei auf einem Havelsee“, Fassung 2.353.096 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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