Möwenflug
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
20 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Möwen sah um einen Felsen kreisenIch in unermüdlich gleichen Gleisen,Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend,Und zugleich im grünen MeeresspiegelSah ich um dieselben FelsenspitzenEine helle Jagd gestreckter FlügelUnermüdlich durch die Tiefe blitzen.Und der Spiegel hatte solche Klarheit,Daß sich anders nicht die Flügel hobenTief im Meer, als hoch in Lüften oben,Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit.
Allgemach beschlich es mich wie Grauen,Schein und Wesen so verwandt zu schauen,Und ich fragte mich, am Strand verharrend,Ins gespenstische Geflatter starrend:Und du selber? Bist du ächt beflügelt?Oder nur gemalt und abgespiegelt?Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?Oder hast du Blut in deinen Schwingen?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 146, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Möwenflug“, Fassung 3.597.147 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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