Der Fleischer von Constanz
Gustav Schwab · 1792–1850
66 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Wohl wehrt sich die alte, die freie Stadt,Den herrlichen römischen Namen sie hat,Und römischen Muth,Und deutsches Blut,Und Christenglauben,Den soll ihr der spanische Henker nicht rauben!
Drum kämpfen die Bürger vom Thurm und am Thor,Und dringen zur hallenden Brücke hervor,Es hört es der Rhein,Da rauschet er drein,Es ruft die SöhneDer See mit der tosenden Wellen Getöne.
Wer streitet am kühnsten für Ehr’ und für Heil?Das ist der Fleischer mit hauendem Beil.Sonst schlägt er den Stier,Das brüllende Thier,Heut muß er sie schlachten,Die ihm nach der Metzig, der blutigen, trachten.
Er steht auf der Brücke zuvorderst im Schwarm,Den Aermel gestilpet, mit nervigtem Arm,Und jeder StreichSchlägt Einen bleich,Da kommen die Andern:Zur Schlachtbank läßt er sie spöttlich wandern.
O weh, ihr Brüder! verlasset ihr ihn?Es doppelt der spanischen Heer sich, sie flieh’n,Sie rufen ihn mit:Doch keinen SchrittWeicht von der Stelle,Alle Feinde bekämpfet der kühne Geselle.
Vorn Einer und hinten da nahet ein Paar,Die wildesten Knechte der stürmenden Schaar,Sie packen in Eil’Des Fleischers Beil –Er ist verloren;Da denkt er: es soll sie nicht frommen, die Thoren!
Zween Arme ja hat er, die fassen die Zwei:Und wollt ihr Ein Leben, so opfr’ ich euch drei!Er hält sie umspannt,Er drängt sie zum Rand,Er sendet die BlickeHinab zu dem schäumenden Rhein von der Brücke.
Und schnell an’s Geländer, eh’ Andere nah’n,Drückt er sie, die ringenden, kräftiglich an;Mit ihnen hineinKopfüber zum RheinMit frohem SchwungeSieht man ihn stürzen im tödtlichen Sprunge.
Die klagenden Feinde verschlinget die Fluth;Lang wiegt sie, lang trägt sie den Bürger gut,Jetzt zeigt sie den Fuß,Den Arm, wie zum Gruß,Die Schultern, die blanken,Das lockigte Haupt und den Nacken, den schlanken.
Da sucht ihn das fremde Geschoß, doch der RheinHüllt fromm in den Mantel, den grünen, ihn ein.Er zieht ihn hinabIn’s festliche Grab,Dort ruht er geborgenVor feindlicher Schmach bis zum ewigen Morgen.
Dort schläft ohne Traum er den süßesten Schlaf,Er weiß nicht das Loos, das die Heimath ihm traf.Man trügt, man raubtOb seinem HauptFreiheit und Glauben;Die Märtyrerkrone wird keiner ihm rauben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 401–403, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Fleischer von Constanz (Schwab)“, Fassung 3.086.545 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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