Nach dem Tode meines geliebten Bruders
Friederike Brun · 1765–1835
59 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1795
1786.
„Strahlender Jüngling, woher?„ –– Schwester!„Bruder du mir? Jüngling im Silbergewand?„Ach! dieß Auge! der Blick ist sein!„
Ich taucht’ im frölichen Jugendspiel,Die heissen Glieder im kühlenden Strom,Da brauste die Woge schwellend empor –Schwester! ich sank tief in des Stromes Schoos.Weine nicht, Du, die ich liebte,Als ich, ein Pilger noch, wallte;Du, die ich nun inniger liebe!
Leicht, wie Blumenduft,Fühlt’ ich empor mich gehoben –Es schwebten Engel über der Flut!Ach! mehr als Engel – es schwebtenFreund’ um mich!Wie tönte, gleich Harfengelispel,Lieblich die zärtliche Stimm’Unsers Tiresias mir!„Willkommen, willkommen, Geliebter!Steig’ empor aus der Endlichkeit Strom,Unsterblicher Jüngling!O, labe dich an der Ewigkeit Born„.
O Geliebte! ich trank,Trank aus der Ewigkeit Strom,Der silbern herniederSich vom Thron des Erbarmers gießt!Jeder Schatten entfloh’.Ach! die Thräne,Die Thräne der Trennung von Euch,Sie löste sanft in Entzückung sich auf!
In kindlich schüchterner UnschuldSchwebte zwischen den BlütenEin wonniges Knäblein um uns.„Siehe der Deinen Einen!„Rief Tiresias, hob das schimmernde Knäblein,Und küßte mit dem Kusse des Friedens ihn;Und glänzender blühten die RosenAuf den Wangen des Knäbleins auf.
Du gebahrst ihn, dein Leben!Traure nicht, Schwester! um uns.Laß deine Klage seynWie der sanften Laute Nachhall,Die bald emportönt zum höhern,Seelenvolleren Lied;Zum Liede meines Erwachens,Meines Jubels am Thron!
Jammernde Mutter, die mich gebahr,Ein winselndes, hülfloses Kindlein,Mutter! Vater! freuet euch mein,Und seegnet die Flut, die von SchlackenHat gereinigt das Gold!
Schwester ich scheide!Wenn einst die große Stunde dir kömmt;Wenn in die Nacht des TodesDahinsinkt dein Haupt,Zum Leben emporstrebt dein Geist,Siehst du mich wieder!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 57–60, Orell, Gessner, Füssli & Comp., Zürich, 1795
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nach dem Tode meines geliebten Bruders“, Fassung 2.051.657 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Friederike Brun starb 1835; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1905 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118516051 der Deutschen Nationalbibliothek.
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