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Versbuch

Köln–Brüssel–London

Joachim Ringelnatz · 18831934

32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1929

Ach, mir war seltsam. Nach dem Start erwog ich,Ob’s komisch sei, wenn man sentimentalDenkt. Ach, zum ersten Male überflog ich –Ein ehemaliger Seemann – den Kanal.

Im Sonnenwetter, das wir anfangs hatten,Sah ich zur Erde. Lautlos eilend schlichTief unter uns, doch mit uns, unser Schatten.Und ich ward traurig, als er plötzlich wich.

Und Brüssel dann. Ein kurzer Aufenthalt.Ich hab als Sieger dort einmal gelitten,Im Krieg. Ich habe dort nichts abzubitten.Und doch: es überlief mich kalt.

Und weiter ging’s, durch wechselvolle Höhen,Nunmehr durch Grau und schwere Hagelböen.Doch mich betrank’s. Wie lange war es her,Daß ich zur See ging?! – Segelschiff und Meer! –

Und als nun fern, dann näher der KanalAuftauchte, ich die Küste überschwebte,War’s, daß ich nun zum zweiten ErstenmalStolz, ehrlich staunend Globetrot erlebte.

Die Ufer unsres Kontinents entschwanden.Zwei Dampfer sah ich, die mit ihren WellenScheinbar ganz still, wie starrgefroren standen.Dann brach die Sonne durch und wies mit hellen,

Vergnügten Fingern auf das InsellandUnd auf zwei Flieger. Diese zogenAn uns vorbei, als wir den KuchenrandVon Englands Küste überflogen.

Land unter uns. Bis sich vom Flugplatz CroydonBlinkauf, blinkab ein Winkefeuer zeigte.Als dann sich unser Kahn zur Landung neigte,Wie brannte ich auf lang entbehrte Freuden.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Köln–Brüssel–London“, Fassung 3.780.412 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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