Der Abend kommt gezogen
Heinrich Heine · 1797–1856
31 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Der Nebel bedeckt die See;Geheimnißvoll rauschen die Wogen,Da steigt es weiß in die Höh’.
Die Meerfrau steigt aus den Wellen,Und setzt sich zu mir, am Strand;Die weißen Brüste quellenHervor aus dem Schleiergewand.
Sie drückt mich und sie preßt michUnd thut mir fast ein Weh’;Du drückst ja viel zu fest mich,Du schöne Wasserfee!
„Ich presse dich, in meinen Armen,Und drücke dich mit Gewalt;Ich will bei dir erwarmen,Der Abend ist gar zu kalt.“
Der Mond schaut immer blasserAus dämmriger Wolkenhöh’;Dein Auge wird trüber und nasser,Du schöne Wasserfee!
„Es wird nicht trüber und nasser,Mein Aug’ ist naß und trüb’,Weil, als ich stieg aus dem Wasser,Ein Tropfen im Auge blieb.“
Die Möven schrillen kläglich,Es grollt und brandet die See;Dein Herz pocht wild beweglich,Du schöne Wasserfee!
„Mein Herz pocht wild beweglich,Es pocht beweglich wild;Weil ich dich liebe unsäglich,Du liebes Menschenbild!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Heimkehr, S. 190–191, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Abend kommt gezogen“, Fassung 3.846.336 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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