Der Rheinborn
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Ich bin den Rhein hinaufgezogenDurch manches schatt’ge Felsenthor,Entlang die blauen, frischen WogenZu seinem hohen Quell empor.
Dem hellsten Borne, weit und offen,Darin ein Ruder weinumlaubtSich spiegle, wie ein heiter Hoffen,Entspring’ er leicht, hatt’ ich geglaubt.
Ich klomm empor auf schroffen Stiegen,Verwognen Pfaden, öd und wild,Und sah mir ihn zu Füßen liegenAls einen erzgegoßnen Schild.
Fernab von Heerdgeläut und MattenLag er in eine Schlucht versenkt,Bedeckt von schweren Riesenschatten,Aus Eis und ew’gem Schnee getränkt –
Hier jauchzt kein Senn, hier schallt kein Reigen.In kurzen, dunkeln Wellchen gehtDer See. Hier wird die Welt zum Schweigen,Wenn nicht ein Stein in Fall gerät –
Ein Sturz! Ein Schlag! Und aus den TiefenUnd aus den Wänden brach es los:Heerwagen rollten! Stimmen riefenBefehle durch ein Schlachtgetos!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 85, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Rheinborn“, Fassung 3.441.127 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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