Der neue Kurs
Rudolf Lavant · 1844–1915
65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1891.)
Was auch der Mann im Sachsenwald mag sagen –Es geht doch vorwärts in der neuen Zeit.Die jetzt regieren – nennt ihr sie geschlagenEtwa mit Trägheit, mit Unfruchtbarkeit?Ist nicht der größte Theil von ihren TagenGesetzentwürfen jeder Art geweiht?Und eine Lüge ist’s, – bei meiner Seele! –Daß der „verbindende Gedanke“ fehle.
Ob sie nun ein Patentgesetz verlangenZu Schutz und Schirm für jegliches Genie,Ob sie auf andre Branntweinsteuer drangen,Im Hinblick auf die Schnaps-Epidemie,Ob man durch Paragraphen sucht zu fangenDie Kellerkünstler in der Wein-Chemie –Das Handwerk sucht auf allen diesen WegenDoch nur den – Volksverführern man zu legen.
Ob man die Zuckersteuer reformire,Wenn schon die Meute der Agrarier bellt,Ob jedem der Herrn UnteroffiziereMan mild in Aussicht eine Prämie stellt –Zweck ist, daß sich das Volk emanzipireUnd sich zu den Verführten nicht gesellt.Es schirmt sogar die Schlacht- und AusfallsflotteIn letzter Linie uns – vor Bebel’s Rotte.
Ob jeden Zwist mit England klug man schlichtetDurch den Erwerb der Insel Helgoland,Ob eine deutsche Truppe man errichtetAus schwarzem Volk am afrikan’schen Strand,Ob man durch Pump sich finanziell verpflichtetFür Kamerun und ob als UnterpfandMan den Ertrag der Zölle angeboten –Der Abwehr gilt es wider unsre Rothen.
Daß international fortan geregeltDer Frachtverkehr auf allen Bahnen sei;Daß ungestört der biedre Deutsche segeltUnd dampft in jeden Hafen der Türkei,Und daß der Türke mit dem Deutschen kegeltUnd einen Anlauf nimmt zur Kneiperei –Man spielt, wenn die Verträge abgeschlossen,Dem Wilhelm Liebknecht einen bösen Possen.
Gewiß, die Herren sind profunde DenkerVon freiem, klarem, unbeirrtem Geist.Das ist es ja, wofür den StaatenlenkerAm höchsten man in unsern Tagen preist,Wenn er des Volksgemüths frivolem HenkerDas Handwerk legt und ihm die Zähne weist.Hier macht der Staatsmann seine großen Treffer,Hier liegt der Hase eigentlich im Pfeffer.
Der Staatsmann braucht des weiten Blickes Gabe,Wenn nieder er Gesetzentwürfe schreibt,Damit er ab den Volksbethörern grabeDas Wasser all, das ihre Mühlen treibt;Damit man einst an seinem stillen GrabeMit Fug und Recht bei diesem Lobe bleibt:„Bei seinem Tod war Jedermann zufriedenUnd froh des Looses, das ihm Gott beschieden.“
Ist es erlaubt vielleicht, daß man bescheidenIn dieser Hinsicht einen Vorschlag macht?Man weiß, es wird nur an des Volkes LeidenUnd ihre Lindrung in Berlin gedacht –Hier könnte man den Lebensnerv durchschneidenDer Hetzerei, die so viel Haß entfacht.In dem Gesetz – der Kornzoll ist sein Titel –Liegt das patenteste der Abwehrmittel!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der neue Kurs“, Fassung 3.491.892 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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