Den österreichischen Arbeitern
Rudolf Lavant · 1844–1915
64 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1965
Der Arbeit treues Volk im Osten,Vom roten Banner überwallt –Wie stehst Du ernst auf Deinem Posten,In stummem Trotz die Faust geballt.Die Stirn zu Furchen und zu WellenZerpflügt vom ehernen Geschick,Und doch im Auge stets den hellen,Den stolzen Ueberwinderblick!
Der Büttel Schwarm, der Troß der Pfaffen,Sitzt Dir im Nacken immerfort.Du aber schleifst die treuen WaffenUnd lauschst der Wahrheit klarem Wort.Ergriffen hat Dich ein GedankeIm tiefsten Sein mit Zaubermacht,Und niederbrichst Du jede SchrankeUnd suchst den Weg in Sturm und Nacht.
Du hast für die Idee geblutetDie Faust voll Schwielen und voll Ruß;Ein Meer von bittern Tränen flutetAn Deiner stolzen Dränger Fuß.Sie knirschen grimmig mit den Zähnen:Der arme, der getretene KnechtErkauft sich doch mit Blut und TränenSein unveräußerliches Recht.
Wohl mögen unter sich sie hadernUnd giftig sich ins Auge schaun,Doch rieselt stets durch ihre AdernDabei ein tief geheimes Graun —Das Graun vor Dir und vor den Deinen,Das Grauen vor der neuen Zeit,Und wider Dich sich zu vereinen,Sind sie in Furcht und Haß bereit.
Und wie sie brüderlich verbundenUnd Hand in Hand zum Streite gehn,Wirst Du in Deinen schwersten StundenAllein, verlassen, einsam stehn.Nur Deiner Kraft darfst Du vertrauen,Denn fremder Beistand ist ein Wahn –Durch eine Welt von Feinden hauenMußt Du Dir selber Deine Bahn.
Kein leichtes Los ist Dir gefallen,Den ein Gedanke vorwärtstreibtDoch siegen wirst Du, wenn in allemDer Geist von heut' lebendig bleibt.Der Feind mag auf die Stärke pochen,Von deren Tritt die Erde bebt –Es ist noch jede Form zerbrochen,Wenn sie sich selber überlebt!
Du darfst schon jetzt den Blick erheben,Du darfst getrost schon heute sein:Ein großer Zug, ein frisches StrebenGeht heut' nur durch der Arbeit Reihn,Und wo die großen Kräfte waltenUnd wo des Rechtes Banner fliegt,Da gibt's kein Stocken und kein Halten,Bevor des Kampfes Preis ersiegt.
So schließt die Reih'n, die kampfesfrohen,Die Eure beste Hoffnung sind,Und schlagt das Schmeicheln wie das DrohenAls freie Männer in den Wind!In Österreichs ausgedehnten Landen,Wo Sprache wider Sprache ficht,Sei eine überall verstanden:Die Sprache, die die Arbeit spricht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Rudolf Lavant Gedichte, S. 069–070, 3. Auflage, Akademie Verlag, Berlin, 1965
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Den österreichischen Arbeitern“, Fassung 3.492.467 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.