Zum Inhalt springen
Versbuch

Weserfahrt

Louise Otto-Peters · 18191895

76 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Und mögen sie dichten und singenVom alten deutschen Rhein.Mein Lied soll der Weser erklingen,Soll ihr gewidmet sein!

Die Werra und Fulda, die beiden,Die haben’s wohl erkannt,Die wollen zusammen durchgleiten,Vereint das Vaterland.

Die wollen treu halten zusammenMit einem Wort genannt,Weil beid aus Germanien stammen,Dem alten Vaterland! –

Im Land, das die Weser durchwallet,Erklang einst Hermanns Wort,Und Dröhnen der Schilde erschallet,Schlachtruf tönt fort und fort.

„Wir wollen uns schützen und schirmenVor römischem Uebermut!Wir wollen Aliso erstürmen,Vernichten Römerbrut!

Hier halle den römischen HeerenEin trotzig deutsches: Halt!Hier werden die Völker sich wehren,Am Weserfluß und -Wald.

„Hier werden sie kämpfen und stehenFür ihr germanisch Recht,Und werden als Sieger sich sehenIm heiligsten Gefecht!“ –

Cheruskas Fürst an der Spitze,So ziehen sie in den Streit,Vernichten wie rächende BlitzeDie römische Herrlichkeit.

Die Römer, die leicht überschritten,Den breiten, stolzen Rhein,Sind nicht an der Weser gelitten.Die Weser kann befrein. –

So war es vor uralten ZeitenAls solches hier geschah.Und wieder gilt es zu streiten –,Ist denn kein Hermann da?

Kein Hermann und keine GermanenZu Schutz und Trutz bewehrt,Die heilige Freiheit der AhnenZu wahren mit dem Schwert?

Die Werra und Fulda, die beiden,Die haben’s wohl erkannt,Die wollen zusammen durchgleitenVereint das Vaterland.

Die sind längst zusammen gezogenDurch Deutschlands Au und Hain.Es flüstern und murmeln die Wogen:„Die Weser kann befrein!“

Und die an den Ufern es hören,Vertrauen ihr sich an,Und ziehen in traurigen ChörenZu ihren Schiffen heran.

Und fliehen vom heimischen Lande,Dem fremden sich zu weihn,Und flüstern zum Meer noch vom Strande:„Die Weser kann befrein!“

Leb wohl o germanische Erde,Uns winkt Amerika – –Sie rufen’s mit Trauergebärde – –Ist denn kein Hermann da?

Kein Hermann und keine Germanen,Daß Deutschland verzweifeln muß,Verdienen die heiligen AhnenNur einen Abschiedsgruß?

Und was aus uralten ZeitenDie Weser noch erzählt –!Ihr sollt es so falsch nicht deuten,Daß Ihr Auswanderung wählt! –

Die Werra und Fulda, die beidenDie haben’s wohl erkannt,Die möchten vereint durchgleitenEin einig Vaterland.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 90-93, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weserfahrt“, Fassung 638.553 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Louise Otto-Peters

Alle Gedichte von Louise Otto-Peters ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Biedermeier und Vormärz

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.