Gränzen der Menschheit
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
42 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1789
Wenn der uralte,Heilige VaterMit gelassener HandAus rollenden WolkenSegnende BlitzeÜber die Erde sä’t,Küß’ ich den letztenSaum seines Kleides,Kindliche SchauerTreu in der Brust.
Denn mit GötternSoll sich nicht messenIrgend ein Mensch.Hebt er sich aufwärts,Und berührtMit dem Scheitel die Sterne,Nirgends haften dannDie unsichern Sohlen,Und mit ihm spielenWolken und Winde.
Steht er mit festen,Markigen KnochenAuf der wohlgegründeten,Dauernden Erde;Reicht er nicht auf,Nur mit der EicheOder der RebeSich zu vergleichen.
Was unterscheidetGötter von Menschen?Daß viele WellenVor jenen wandeln,Ein ewiger Strom:Uns hebt die Welle,Verschlingt die Welle,Und wir versinken.
Ein kleiner RingBegränzt unser Leben,Und viele GeschlechterReihen sich dauerndAn ihres DaseynsUnendliche Kette.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 212–214, G. J. Göschen, 1789
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gränzen der Menschheit (1789)“, Fassung 2.308.713 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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