Vigilien
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
38 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1955
I
Die falben Felder schlafen schon,mein Herz nur wacht allein;der Abend refft im Hafen schonsein rotes Segel ein.
Traumselige Vigilie!Jetzt wallt die Nacht durchs Land;der Mond, die weiße Lilie,blüht auf in ihrer Hand.
II
Am offnen Stubenfenster lehn ichund träume in die Nacht hinauf;das Mondlicht windet silbersträhnigsich um den schwarzen Kirchturmknauf.
Sehn wenig Welten aus den Fernenauch durch den engen Hof ins Haus, –es füllte Licht von zehen Sternenein ganzes, dunkles Leben aus.
III
Horch, der Schritt der Nacht erstirbtin der weiten Stille;meine Schreibtischlampe zirptleis wie eine Grille.
Goldig auf dem Bücherstandglühn der Bände Rücken:zu der Fahrt ins FeenlandPfeiler für die Brücken.
IV
Sie hat, halb Kind, einst eine Nachtbeim toten Mütterlein verbrachtund hat geweint und hat gewacht; –dann gingen Jahre, Jahre sacht:nie hat sie jener Nacht gedacht.
Und dann kam eine andre Nacht.Da hat von Glut und Sünd entfachtdie rote Lippe Lust gelacht,doch plötzlich – wie durch höhre Machtdacht sie der Nacht der Leichenwacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Larenopfer. In: Sämtliche Werke, Band I, S. 48-49., Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 1955
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vigilien“, Fassung 3.779.874 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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