Meeresstille
Heinrich Heine · 1797–1856
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Meeresstille! Ihre StrahlenWirft die Sonne auf das Wasser,Und im wogenden GeschmeideZieht das Schiff die grünen Furchen.
Bei dem Steuer liegt der BootsmannAuf dem Bauch, und schnarchet leise.Bei dem Mastbaum, seegelflickend,Kauert der betheerte Schiffsjung.
Hinter’m Schmutze seiner WangenSprüht es roth, wehmüthig zuckt esUm das breite Maul, und schmerzlichSchau’n die großen, schönen Augen.
Denn der Capitän steht vor ihm,Tobt und flucht und schilt ihn: Spitzbub.„Spitzbub! einen Hering hast duAus der Tonne mir gestohlen!“
Meeresstille! Aus den WellenTaucht hervor ein kluges Fischlein,Wärmt das Köpfchen in der Sonne,Plätschert lustig mit dem Schwänzchen.
Doch die Möve, aus den Lüften,Schießt herunter auf das Fischlein,Und den raschen Raub im SchnabelSchwingt sie sich hinauf in’s Blaue.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Nordsee, Erster Cyklus, S. 332–333, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Meeresstille“, Fassung 3.779.194 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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