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Versbuch

Der Fliegende Holländer

Georg Heym · 18871912

73 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1911

Wie Feuerregen füllt den OzeanDer schwarze Gram. Die großen Wogen türmtDer Südwind auf, der in die Segel stürmt,Die schwarz und riesig flattern im Orkan.

Ein Vogel fliegt voraus. Sein langes HaarSträubt von den Winden um das Haupt ihm groß.Der Wasser Dunkelheit, die meilenlos,Umarmt er riesig mit dem Schwingenpaar.

Vorbei an China, wo das gelbe MeerDie Drachendschunken vor den Städten wiegt,Wo Feuerwerk die Himmel überfliegtUnd Trommeln schlagen um die Tempel her.

Der Regen jagt, der spärlich niedertropftAuf seinen Mantel, der im Sturme bläht.Im Mast, der hinter seinem Rücken steht,Hört er die Totenuhr, die ruhlos klopft.

Die Larve einer toten EwigkeitHat sein Gesicht mit Leere übereist.Dürr, wie ein Wald, durch den ein Feuer reist.Wie trüber Staub umflackert es die Zeit.

Die Jahre graben sich der Stirne ein,Die wie ein alter Baum die Borke trägt.Sein weißes Haar, das Wintersturmwind fegt,Steht wie ein Feuer um der Schläfen Stein.

Die Schiffer an den Rudern sind verdorrt,Als Mumien schlafen sie auf ihrer Bank.Und ihre Hände sind wie Wurzeln langHereingewachsen in den morschen Bord.

Ihr Schifferzopf wand sich wie ein BarettUm ihren Kopf herum, der schwankt im Wind.Und auf den Hälsen, die wie Röhren sind,Hängt jedem noch ein großes Amulett.

Er ruft sie an, sie hören nimmermehr.Der Herbst hat Moos in ihrem Ohr gepflanzt,Das grünlich hängt und in dem Winde tanztUm ihre welken Backen hin und her.

II.Dich grüßt der Dichter, düsteres Phantom,Den durch die Nacht der Liebe Schatten führt,Im unterirdisch ungeheuern Dom,Wo schwarzer Sturm die Kirchenlampe schürt,

Die lautlos flackert, ein zerstörtes Herz,Von Qual durchlöchert, und die Trauer kranktIm Tode noch in seinem schwarzen Erz.An langen Ketten zittert es und schwankt.

Sein roter Schein flammt über Gräber hin.An dem Altare kniet ein Ministrant,Zwei Dolche in der offnen Brust. DarinNoch schwält und steigt trostloser Liebe Brand.

Durch schwarze Stollen flattert das Gespenst.Er folgt ihm blind, wo schwarze Schatten fliehn,Den Mond an seiner Stirn, der trübe glänzt,Und Stimmen hört er, die vorüberziehn

Im hohlen Grund, der von den Qualen schwillt,Mit dumpfem Laut. Ein ferner WasserfallPocht an der Wand, und bittre Trauer fülltWie ein Orkan der langen Treppen Fall.

Fern kommt ein Zug von Fackeln durch ein Tor,Ein Sarg, der auf der Träger Schultern bebtUnd langsam durch den langen KorridorIn trauriger Musik vorüberschwebt.

Wer ruht darin? Wer starb? Der matte TonDer Flöten wandert durch die Gänge fort.Ein dunkles Echo ruft er noch, wo schonDie Stille hockt an dem versunk’nen Ort.

Das Grau der Mitternacht wird kaum bedecktVon einer gelben Kerze, und es saustDer Wind die Gänge fort, der bellend schrecktDen Staub der Grüfte auf, der unten haust.

Maßlose Traurigkeit. In Nacht alleinVerirrt der Wandrer durch den hohen Flur,Wo oben in der dunklen Wölbung SteinGestirne fliehn in magischer Figur.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 38–40, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Fliegende Holländer (Heym)“, Fassung 3.086.561 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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