Spätes Ehestandsglück
Theodor Fontane · 1819–1898
38 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Neben mir an, ein Mann im StaatWohnt ein alter Geheimerath.Er hat, nachdem er durch Stürme gesteuert,Mit 60 noch eine Wittwe geheuert,Wirthin und Plättfrau war sie gewesen,Die hat er klug sich auserlesen;Es geht nun schon ins dritte Jahr, –Nie zuvor er so glücklich war.
Briefe zu Neujahr will heut er schreiben.Eisblumen blühen ihm an den Scheiben,Draußen ein helles Sylvesterwetter,Und er schreibt in Cursivschrift: „Lieber Vetter,Du hast Dich, gleich mir, aus Wellen und WogenDer „höhren Justiz“ zurückgezogen,Von Deinem Königsstuhle zu RhenseZogst Du nach Treptow an der Tollense,Hinter Dir liegt die Welt des ScheinsUnd so fehlt Deinem Glücke nur noch eins:Nimm auch ein Weib (aber von den gelinden,In Treptow wirst Du dergleichen finden).Ich bin Dir in solchem UnterfangenMit gutem Beispiel vorangegangen.Und glaube mir, – kann ich doch jetzt vergleichen, –Man siegt nur noch in diesem Zeichen.
Gestatte mir, Dir ein Bild zu gebenVon meinem frühren und jetzigen Leben.
Ich hielt es aufrichtig mit Schelling und Hegel,Jetzt bin ich für Pankow, Schönhausen, Tegel,Ich hielt es früher mit Wieland und Herder,Jetzt bin ich für Sacrow und Pichelswerder,Sonst macht’ ich vor Goethe die tiefsten Diener,Jetzt bin ich für Putlitz, Moser, Lubliner.O lern’ auch Du hinter derlei SachenEin großes Fragezeichen machenUnd empfang’ am Tage der Grogs und PünscheZunächst meine herzlichsten Neujahrswünsche,Dazu den Zuruf, der immer frommt:„Isolan, Ihr kommt spät, jedoch Ihr kommt.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 78–79, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Spätes Ehestandsglück“, Fassung 2.199.558 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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