Tag, schein' herein und, Leben, flieh hinaus!
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
25 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Shakespeare.
Tag, schein’ herein! Die Kammer steht dir offen!Holdsel’ger Lenzesmorgen, schein’ herein!Schon glitzert, von der Sonne Strahl getroffen,Das Tintenfaß, der eichne Bücherschrein.Vogt Winter muß dem Lenze Rechnung geben,Dem schönen Erben über Hof und Haus –Auch mir zu gut geschrieben ist ein Leben –Tag, schein’ herein und, Leben, flieh hinaus!
Ich war von einem schweren Bann gebunden.Ich lebte nicht. Ich lag im Traum erstarrt.Von vielen tausend unverbrauchten StundenSchwillt ungestüm mir nun die Gegenwart.Aus dunkelm Grunde grüne Saat zu weckenBedarf es Sonnenstrahles nur und Thaus,Ich fühle wie sich tausend Keime strecken.Tag, schein' herein und, Leben, flieh hinaus!
Ein Segel zieht auf wunderkühlen Pfaden,In Flutendunkel spiegelt sich der Tag.Was hat die Barke dort für mich geladen?Vielleicht ist’s etwas das mich freuen mag!Entgegen ihr! Was wird die Barke bringenDurch blauer Wellen freudiges Gebraus?Entgegen ihr! Mit weitgestreckten Schwingen!Tag, schein’ herein und, Leben, flieh hinaus!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 108, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Tag, schein herein, und Leben, flieh hinaus!“, Fassung 3.577.964 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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