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Versbuch

Die Insel

Rainer Maria Rilke · 18751926

44 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1907

NORDSEE

I

Die nächste Flut verwischt den Weg im Wattund alles wird auf allen Seiten gleich;die kleine Insel draußen aber hatdie Augen zu; verwirrend kreist der Deich

um ihre Wohner, die in einen Schlafgeboren werden, drin sie viele Weltenverwechseln schweigend; denn sie reden seltenund jeder Satz ist wie ein Epitaph

für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt.Und so ist alles was ihr Blick beschreibt

von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes,das ihre Einsamkeit noch übertreibt.

II

Als läge er in einem Krater-Kreiseauf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt,und drin die Gärten sind auf gleiche Weisegekleidet und wie Waisen gleich gekämmt

von jenem Sturm, der sie so rauh erziehtund tagelang sie bange macht mit Toden.Dann sitzt man in den Häusern drin und siehtin schiefen Spiegeln was auf den Kommoden

Seltsames steht. Und einer von den Söhnentritt abends vor die Tür und zieht ein Tönenaus der Harmonika wie Weinen weich;

so hörte er’s in einem fremden Hafen —.Und draußen formt sich eines von den Schafenganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich.

III

Nah ist nur Innres; alles andre fern.Und dieses Innere gedrängt und täglichmit allem überfüllt und ganz unsäglich.Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,

welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstörtin seinem unbewußten Furchtbarsein,so daß er, unerhellt und überhört,allein

damit dies alles doch ein Ende nehmedunkel auf einer selbsterfundnen Bahnversucht zu gehen, blindlings, nicht im Plander Wandelsterne, Sonnen und Systeme.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 83, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Insel (Rilke)“, Fassung 3.513.667 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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