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Versbuch

Reise von Lyon, nach der Perte du Rhone

Friederike Brun · 17651835

53 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1795

(An Matthisson, im Merz 1791).

Hier wo der Rhodan grünlich Silber rollt,Der nahen Höhen Schneegewand entschwindet –Begrüß’ ich dich, o Lenz! der, friedlich hold,Mit warmem Hauch die Blütenzeit verkündet!

Bardale jubelt, hoch verschwebt in Luft,Und zartes Grün umkeimt des Wandrers Pfade;Der Berge Höh’ umflort ein leichter Duft,Die Stelze sucht ihr Nest am Bachgestade.

Doch schroff klimmt aus dem Thal der Pfad hinan,Wo Felsenstirnen grausend überhängen;Und enger wird die wildverschlungne Bahn,Um die sich Trümmer riesenmässig drängen.

Still dämmernd ruht, im Abgrund eingesenkt,Cerdonens Thal, vom Abendroth bemahlet;Vauclusen ähnlich, das mein Geist sich denkt,Mit wilder Anmut zauberisch bestralet.

Entschwunden, ach! entschwunden war mein Thal –Und nackte wilde Felsenzacken starrtenAuf kalter Höh’ empor im lezten Stral,Empor aus Nebeln die des Dunkels harrten.

Doch freundlich lacht, o Nantua! dein See,Vom Morgenlicht an Klippen übergüldet,Das an des Fichtenberges heitrer Höh’Der Rosenknospe sanftes Roth gebildet.

Am jähen Abhang schwebt jezt unser Weg,Wo schaurig tief die Varceline rauschet;Doch schon empfängt uns ein umbluhter Steg,Den Liebe still, und Heimlichkeit umlauschet.

Wie sanft, wie schmeichelnd, wie so lieblich walltDer Rhodan hier von grünen Höh’n hernieder!Wie Silberthau auf frischer Wiese stralt;Melodisch, wie des Furrön Schwans Gefieder!

Wer stürzt dich wild in diese Kluft herab,Wie Donner stark, und schneller wie Gedanken,Daß um dein tiefes schreckenvolles Grab,Erstaunt und bang, die Felsenmassen wanken?

Es brüllt die Flut tief in der Erde Schooß,Und schleudert Schaum hoch aus der schwarzen Hülle;Drängt sich durch’s Trümmerchaos, reißt sich los,Und rauscht hervor mit angeborner Fülle.

Allein noch bebt mein Herz sich unbewußt,Und meinem Blick entfliehet dies Gebilde;Ich finde mich, erwacht zu neuer Lust,Auf weichem Moos, im lieblichsten Gefilde.

Hier dacht’ ich dein, du Liebling der Natur,Der ihr lobsingt in Nachtigallen-Tönen,O Matthisson! der ihre leise SpurEntzückt verfolgt durch himmelvolle Szenen!

O folg’ auch hier! Es ruft dein Genius;Dir winkt dies Thal, der ew’gen Allmacht Tempel!Nicht nur die Alpen wähle sich dein Fuß;Des Jura Saum trägt auch der Gottheit Stempel!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 84–87, Orell, Gessner, Füssli & Comp., Zürich, 1795
Digitalisat
de.wikisource.org — „Reise von Lyon, nach der Perte du Rhone“, Fassung 1.101.507 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Friederike Brun starb 1835; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1905 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118516051 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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