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Versbuch

Die Thurbrücke bei Bischofszell

Gustav Schwab · 17921850

64 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Wer hat diesen steinernen BogenUeber die wilde Thur gezogen?Daß der Wand’rer die Straße lobet,Daß das Wasser vergeblich tobet?

War’s ein mächtiger Fürst im Lande,Der den Strom gelegt in Bande?War’s ein Führer in Kriegestagen,Der die Brücke dem Heer geschlagen?

Oder richtet für Mann und RosseSie der Ritter vom hohen Schlosse,Und indeß sein Haus zerfallen,Ist sein Pfad noch immer zu wallen?

Nein, die Brücke, die ihr schauet,Manneswort hat sie nicht erbauet;Auf ein Wort aus des Weibes MundeStieg sie über dem Felsengrunde.

Die dort auf der Burg gehausetHörte wie die Woge brauset,Sah den Fluß von WaldesquellenUnd vom Gusse des Regens schwellen.

Und den Nachen am stein’gen Lande,Der vom Strande führt zum Strande,Sah sie drüben sich drehn und wiegen:Wehe, wenn Einer hineingestiegen.

Ehe gedacht sie den Gedanken,Sieht sie ihn mit zwei Wanderern schwanken,Die sie schauet, es sind in SchöneIhre jungen, einzigen Söhne.

Von dem Waidwerk heimgekehret,Finden sie den Strom empöret,Haben doch, die rüstigen Jungen,Kecklich in den Kahn sich geschwungen.

Doch es lassen sich die WellenNicht wie Thiere des Waldes fällen,Und nicht half der Mutter Klagen,Als sie den Kahn sah umgeschlagen.

Wie sie nun in langem HarmeBreitet’ ihre beiden ArmeBey den Wellen, den schaumesbleichen,Ueber ihrer Kinder Leichen,

Mußte sie der Mütter gedenken,Die noch können schau’n versenkenIn den schnell empörten WogenSöhne, die sie sich erzogen.

Und es werden im MutterherzenLeichter ihr die bittern Schmerzen,Wenn sie Andern kann ersparenSolches Leid, wie sie’s erfahren.

Und noch ehe sie ausgetrauert,Ward gemeißelt und gemauert,Ward der Strom in’s Bett gezwängetUnd die hohe Brücke gesprenget.

Sah sie dann oft fröhliche KnabenUeber den Pfad von Steine traben,Und die schäumenden Wasser höhnen,Die in felsiger Tiefe tönen;

Und mit leichtem Tritte wallenMütter hinter den Kindern allen,Sieh da flossen ihre ThränenMild von Freude, mild von Sehnen.

End ihr Werk, das fromme, dauert,Aber sie hat ausgetrauert,Höret die Wasser nicht mehr toben,Ist bei den jungen Söhnen droben.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 414–416, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Thurbrücke bei Bischofszell“, Fassung 3.578.181 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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