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Versbuch

Die Mädchen von Colberg

Rudolf Lavant · 18441915

109 Zeilen in 28 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1886.)

Gen Jena zog der Preußen MachtIn siegesfrohen Schaaren ...Zerstoben ist in einer SchlachtDer Ruhm von sieben Jahren.

Auf Gras und Kraut lag blut’ger Thau,Weithin verstreut die Waffen ...In Schutt und Trümmer sank der Bau,Den Geist und Kraft geschaffen.

Noch blieb ein Damm vor Feindesfluth –Die alten stolzen Vesten.Man wähnte sie in sichrer HutDer Treuesten und Besten.

Doch formte man aus schlechtem TeigDie Führer wackern Streitern;Sie öffneten verzagt und feigDas Thor vor wenig Reitern.

Es trat das heiße Roth der SchamNicht in der Greise Wangen;Sie gaben ohne Groll und GramAn Knaben sich gefangen.

Aus Elb’ und Oder tränkten schonDie Franken ihre Pferde;Der Name „Preußen“ war ein HohnFür jedes Volk der Erde.

Der Stern von Roßbach, er verblichIn einer Nacht von Schande;Nur da und dort ermannte sichEin Held zum Widerstande.

Wo Magdeburg, die starke, sichErgab mit Wall und Thürmen,Da hielt sich Colberg ritterlichUnd trotzte allen Stürmen.

Da stellte sich zu GneisenauEin Mann mit derben Knochen;Der litt es nicht, daß feig und lauEin Bürger sich verkrochen.

Wie in den Raaen und auf DeckEr niemals Furcht empfunden,Hielt sich der alte NettelbeckAuch in des Kampfes Stunden.

Doch endlich kam die bleiche Noth –Da nützte kein Versprechen;Der Hunger wühlt, der Hunger drohtDen Widerstand zu brechen.

Selbst Nettelbeck ward ernst und stillUnd sorgenvoll die Miene,Da noch kein Schiff sich nahen will,Das füllt die Magazine.

Doch als man schon zu murren wagtUnd von Ergebung munkelt,Da naht ein Schiff, vom Feind gejagt ...Der Stern der Rettung funkelt!

Der Nettelbeck erspäht’s vom ThurmUnd fühlt die Brust sich schwellen,Doch draußen tost und tobt der SturmUnd will das Schiff zerschellen.

Wagt sich kein Lootse kühn hinausIns Wogenmeer zur Rhede,So sinkt das Schiff mit Mann und Maus,So endet alle Fehde.

Zum Hafen stürzt der Brave schon,Im Auge helle Flammen,Und ruft mit seinem DonnertonDie Lootsenschaar zusammen.

Doch in den Adern stockt das BlutBei dieses Sturmes Pfeifen,Und Keiner, Keiner hat den Muth,Das Ruder zu ergreifen.

Er mahnt und bittet, flucht und droht,Der Lootsen Sinn zu wenden.Indessen steigt der Schiffer Noth,Die Schuß auf Schuß entsenden.

Da flackert’s auf wie bittrer HohnIn seiner düstern Miene;Er ruft: „Geduld, ich komme schon!He, Dörte, Lene, Trine!

„Die Hasenherzen sind voll Schreck –Sie können Muth nicht fassen;Sagt, wollt den alten NettelbeckAuch ihr im Stiche lassen?“

Er springt ins Boot, die Dirnen nach –Sie kennen kein Erblassen;Man sieht sie zu der Lootsen SchmachStramm nach den Rudern fassen.

Mit blauen Augen, frisch und klar,Fünf wetterfeste Dirnen!Es legt das blonde krause HaarSich in gebräunte Stirnen.

Sie haben in den Knochen Mark,Im jungen Herzen Feuer,Und Nettelbeck hält kühl und stark,Entblößten Haupts das Steuer.

Es kämpfen durch den WogenschwallSich bis zum Schiff die BravenUnd Rettelbeck bei GlockenschallFührt’s sicher in den Hafen.

Und tausend Hände bargen frischWas unter Deck gebettet;Man hatte Brot nun auf dem TischUnd – Colberg war gerettet.

Wohl ist des Großen viel geschehnDanach im Vaterlande,Doch soll darum dies Bild bestehnAus einer Zeit der Schande.

Man mag der höchsten Ehre ZollDem Alten zuerkennen,Jedoch vor Weinsbergs Weibern sollMan Colbergs Mädchen nennen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Mädchen von Colberg“, Fassung 3.534.654 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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