Vorstadt im Föhn
Georg Trakl · 1887–1914
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1913
Am Abend liegt die Stätte öd und braun,Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen –Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.
Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut,In Gärten Durcheinander und Bewegung,Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung,In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.
Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor.In Körben tragen Frauen Eingeweide,Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude,Kommen sie aus der Dämmerung hervor.
Und ein Kanal speit plötzlich feistes BlutVom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter.Die Föhne färben karge Stauden bunterUnd langsam kriecht die Röte durch die Flut.
Ein Flüstern, das in trübem Schlaf ertrinkt.Gebilde gaukeln auf aus Wassergräben,Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben,Die mit den warmen Winden steigt und sinkt.
Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen,Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern.Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheiternUnd manchmal rosenfarbene Moscheen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 43, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1913
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vorstadt im Föhn“, Fassung 2.555.714 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Trakl starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118623575 der Deutschen Nationalbibliothek.
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