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Versbuch

Der Pirat

Richard Dehmel · 18631920

123 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Nach José de Espronceda.

Mit zehn Kanonen blank an Bord,mit vollen Segeln vor dem Wind,die flink wie Mövenflügel sind,streicht eine Barke durch die Flut:die Barke des Piratenherrn,auf allen Meeren er gekanntvon einem bis zum andern Strand,der „Hai“ getauft für seinen Mut.

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,ein langer Silberstreifen rinntbreit durch die blaubewegte Flut.Und der Piratenkapitänsitzt singend hoch an Steuers Rand,links Asiens, rechts Europens Strand,und sitzt und singt und schwenkt den Hut:

„Fliege, mein Segler du, fliege,unverzagt;fliegst und segelst zum Siege!Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe,weil dein Herr sein Leben wagt!Zwanzig Prisenhaben wir gemacht,haben die Staatsmützenausgelacht;hundert Nationenliegen und grüßen hiermit ihren Flaggenzu Füßen mir.Denn meine Barke ist mein Reichtum,denn mein Gesetz ist mein Begehr,mein Gott der Wind und meine Freiheit,mein einzig Vaterland das Meer.

„Könige steiten dadrübenin blinder Gierum ein paar Aecker Rüben.Sehet, ich lache! Meine Gefildereichen, soweit das weite wildeMeer entrollt sein frei Pannier.Da ist kein Wimpel,wie er auch glänze,da keine Küste,wo sie auch grenze,die nicht Salut gethanmeinem Geschlecht,die nicht erkanntenmein Hoheitsrecht.Denn meine Barke ist mein Reichtum,denn mein Gesetz ist mein Begehr,mein Gott der Wind und meine Freiheit,mein einzig Vaterland das Meer.„Kaum schrein vom Mars die Jungen:Schiff in Sicht!rennt’s schon mit vollen Lungen,hoi alle Segel breit, Fersengeldsegel,rennt es und rennt es; denn diese Flegellieben den König der Meere nicht.Aber wie BrüderIch und Ihr,meine Getreuen,teilen die Beute wir.Ein einzig Eigentumnehm ich für michohne Rivalen:dich, Schönheit, dich!Denn meine Barke ist mein Reichtum,denn mein Gesetz ist mein Begehr,mein Gott der Wind und meine Freiheit,mein einzig Vaterland das Meer.

„Verdammt zum Höllenfeuer,zum Tod am Strick,sitz’ich und lache euer!Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,den häng’ich auf an der Segelstange,vielleicht von seiner eignen Brigg!Und wenn ich falle:was ist das Leben!Hab es schon damalsverloren gegeben,als ich die Kette brach,als ich, ein Held,mir schuf mein eigen Recht,mir meine Welt.Denn meine Barke ist mein Reichtum,denn mein Gesetz ist mein Begehr,mein Gott der Wind und meine Freiheit,mein einzig Vaterland das Meer.

„Melodieen wie brausendOrgelgewühlspielt mir im Nachtsturm, sausend,meiner geschüttelten Taue Gestöhne,meiner Kanonen Donnergedröhneund des schwarzen Meeres Gebrüll.Von ihren tobendenLiedern umschnoben,geh ich zur Ruhe,wogenumwoben,jubelnde Zungenrund um mich her,in Schlaf gesungenvom Meer, vom Meer.Denn meine Barke ist mein Reichtum,denn mein Gesetz ist mein Begehr,mein Gott der Wind und meine Freiheit,mein einzig Vaterland das Meer!“

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,ein langer Silberstreifen rinntbreit durch die blaubewegte Flut.Und der Piratenkapitänlehnt schweigend hoch an Steuers Rand,links Asiens, rechts Europens Strand,tief in die Stirn gedrückt den Hut.Mit zehn Kanonen blank an Bord,mit vollen Segeln vor dem Wind,die flink wie Mövenflügel sind,streicht seine Barke durch die Flut:die Barke des Piratenherrn,auf allen Meeren er gekanntvom einen bis zum andern Strand,der „Hai“ getauft für seinen Mut.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Pirat“, Fassung 3.439.731 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.