Im Kreislauf des Jahres.
Rudolf Lavant · 1844–1915
49 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1901
Wenn junges Grün aus allen ZweigenNach warmem Frühlingsregen bringt,Wenn sich nach winterlichem SchweigenDie Lerche jubelnd aufwärts schwingt,Wenn sich auf seinen bunten FlügelnDer Falter wiegt am blauen See,Wenn in den Thälern, auf den HügelnDu träumend ziehst durch Blüthenschnee,Dann wird die Brust auf’s Neue offenDer Stimme, die Dir Glück verheißt,Und was auch an Dir zerrt und reißt,Sei guten Muth’s und ― lerne hoffen!
Wenn aller Blüthenreiz verflogenUnd stumm die Liebessänger sind,Wenn braun die Aehrenfelder wogenBei Blitzgezuck im Erntewind,Wenn Alles kocht und reift im StillenUnd wenn erfüllt der lange TagVom Duft des Heus, Gezirp der GrillenUnd Spechtgepoch und Wachtelschlag,Und sollst Du Dich zusammenraffen,Dann spute Dich, so lang‘ es licht,Und thue ehrlich Deine Pflicht;Dann sei ein Mann und ― lerne schaffen!
Wenn uns’re Sommergäste scheiden,Wenn Alles stille wird und bang,Und sich in Gold und Purpur kleidenDie Wälder, die ihr Lied durchklang,Wenn Dich die reifen Früchte mahnen,Daß Alles bald zur Rüste gehtUnd überall ein schmerzlich AhnenDes Endes Dir entgegen weht,Dann sollst Du nicht entmuthigt klagen,Dann sei des Herbstes letzter KußDir tiefster, schmerzlicher Genuß,Dann füge Dich und ― lern‘ entsagen!
Wenn frosterstarrt und schneevergrabenDie kahle Flur, der stille Forst,Wenn hungernd sich das Volk der RabenDes Abends duckt in seinem Horst,Wenn roth und groß der Mond am HimmelIn bitterkalten Nächten steht,Und durch der Flocken grau GewimmelDer Füchse heis’res Bellen geht,Dann sollst Du nicht um Stundung werben,Dann füge schweigend, still und großDich in das allgemeine Loos,Dann sei gefaßt und ― lerne sterben!R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Auer/Hamburg und J.H.W. Dietz/Stuttgart (in Kommission), Leipzig, 1901
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Kreislauf des Jahres (1901)“, Fassung 3.016.671 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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