Zur Pariser Weltausstellung
Rudolf Lavant · 1844–1915
73 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1889.)
Als zu des schönen Friedensfestes FeierDie Reiche alle la belle France entbot,Da barg ein jedes hinter dichtem SchleierDer Wange züchtiges, verschämtes Roth.Von jedem kam ein höflich kühles Schreiben –Sie lehnten alle ab, sie kamen nicht;Im Grunde schien es eine Ehrenpflicht,Dem Unterfangen klüglich fern zu bleiben.
Für la belle France war es ein bittrer Bissen –Sie war an solche Körbe nicht gewöhnt,Doch ist’s am besten immerdar zu wissen,Man sei verdächtig und man sei verpönt;Man kann dann ruhig seine eignen WegeZum schönen Ziele selbstvertrauend gehn,Man braucht nach rechts nicht und nach links zu sehnUnd fremde Mißgunst hält den Eifer rege.
Und eigne Wege ist Paris gegangenUnd hat geschafft und jedes Glied gerührtUnd sein „vermeßnes,“ „keckes“ UnterfangenVor aller Welt mit Ehren durchgeführt.In Schatten stellt es seiner Freunde HoffenUnd setzte sich ein stolzes Monument,Und auch der Neid, die Nörgelsucht bekennt,Daß es sich selber glänzend übertroffen.
Wohl sah Paris so manches Mal das WogenUnd Ueberfluthen eines Menschenstroms,Als noch die Adler seines Kaisers flogen,Des schlauen Neffen eines großen Ohms.Doch alle Zauber jener Zeit verbleichenVor dem, was heute des Besuchers harrt,Und vor der stolzen, freien GegenwartMuß aller Prunk der früh’ren Tage weichen.
Ihr mögt die Wahrheit noch so tief verschleiern –Sie tritt als Stern hervor aus dunklem Zelt;Auch Republiken können Feste feiernFür ganz Europa, für die ganze Welt,Und wer die Hand verächtlich ausgeschlagen,Die in Versöhnlichkeit sich dargestreckt,Der sieht sich nun aus eitlem Wahn gewecktUnd hat den Schaden und den Spott zu tragen.
Es hat vielleicht so Manchen schon verdrossen,Der nun verspätet heimlich in sich geht,Daß er sich selbst in Dünkel ausgeschlossenVom Völkerfeste und nun draußen steht.Klug war es nicht; man wird ihn kaum vermissen,Durchmißt die Hallen man im Pilgergang,Und aus lebendigem ZusammenhangHat er in Trotz sich selbst herausgerissen.
Auch du, mein Deutschland – nur vereinzelt lesenWir deutsche Namen dort aus deutschem Land,Und du gerade wärst am Platz gewesenIm Schmuck der Arbeit an der Seine Strand.Im Wettbetrieb des Tüchtigen und SchönenUns groß zu zeigen, haben wir verscherzt –Nach mancher Wunde, die noch heute schmerzt,War’s die Gelegenheit, euch zu versöhnen.
Und die Versöhnung – einmal muß sie kommen,Ob jetzt, ob später, willig oder nicht;Habt ihr die ferne Brandung nicht vernommen,Die sich im Osten an den Dämmen bricht?Und ob sich beide ew’gen Haß geschworenUnd finster grollend sich genüberstehn,Es kommt der Tag, da Seit’ an Seite wehnDeutschlands und Frankreichs stolze Trikoloren.
Ein solches Fest verhieß uns fernern FriedenUnd Frieden will und Frieden braucht das Reich;Drum thut mir’s weh, dass wir Paris gemieden –Ich fürchte sehr, es war ein Schwabenstreich.Dergleichen Streiche hatte stets zu büßenDer Einzelne – büßt minder sie ein Land?Wir aber senden nach der Seine StrandEin brüderliches, achtungsvolles Grüßen!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Zur Pariser Weltausstellung“, Fassung 3.657.325 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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