Im Hafen
Heinrich Heine · 1797–1856
67 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat,Und hinter sich ließ das Meer und die Stürme,Und jetzo warm und ruhig sitztIm guten Rathskeller zu Bremen.
Wie doch die Welt so traulich und lieblichIm Römerglas sich wiederspiegelt,Und wie der wogende MikrokosmusSonnig hinabfließt in’s durstige Herz!Alles erblick’ ich im Glas,Alte und neue Völkergeschichte,Türken und Griechen, Hegel und Gans,Zitronenwälder und Wachtparaden,Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg,Vor allem aber das Bild der Geliebten,Das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund.
O, wie schön! wie schön bist du, Geliebte!Du bist wie eine Rose!Nicht wie die Rose von Schiras,Die hafisbesungene Nachtigallbraut;Nicht wie die Rose von Saron,Die heiligrothe, prophetengefeierte;Du bist wie die Ros’ im Rathskeller zu Bremen!Das ist die Rose der Rosen,Je älter sie wird, je lieblicher blüht sie,Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt,Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht,Und hielt mich nicht fest, am Schopfe fest,Der Rathskellermeister von Bremen,Ich wäre gepurzelt!
Der brave Mann! wir saßen beisammenUnd tranken wie Brüder,Wir sprachen von hohen, heimlichen Dingen,Wir seufzten und sanken uns in die Arme,Und er hat mich bekehrt zum Glauben der Liebe,Ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde,Und allen schlechten Poeten vergab ich,Wie einst mir selber vergeben soll werden;Ich weinte vor Andacht, und endlichErschlossen sich mir die Pforten des Heils,Wo die zwölf Apostel, die heil’gen Stückfässer,Schweigend pred’gen, und doch so verständlichFür alle Völker.
Das sind Männer!Unscheinbar von außen, in hölzernen Röcklein,Sind sie von innen schöner und leuchtenderDenn all die stolzen Leviten des Tempels,Und des Herodes Trabanten und Höflinge,Die goldgeschmückten, die purpurgekleideten –Hab’ ich doch immer gesagtNicht unter ganz gemeinen Leuten,Nein, in der allerbesten Gesellschaft,Lebte beständig der König des Himmels.
Hallelujah! Wie lieblich umwehen michDie Palmen von Beth El!Wie duften die Myrrhen von Hebron!Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! –Auch meine unsterbliche Seele taumelt,Und ich taum’le mit ihr und taumelndBringt mich die Treppe hinauf, an’s Tagslicht,Der brave Rathskellermeister von Bremen.
Du braver Rathskellermeister von Bremen!Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzenDie Engel und sind betrunken und singen;Die glühende Sonne dort obenIst nur eine rothe, betrunkene Nase,Und um die rothe Weltgeist-NaseDreht sich die ganze, betrunkene Welt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Nordsee, Zweiter Cyklus, S. 367–370, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Hafen“, Fassung 3.778.925 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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