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Versbuch

Nachts in der Cajüte

Heinrich Heine · 17971856

75 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1827

Das Meer hat seine Perlen,Der Himmel hat seine Sterne,Aber mein Herz, mein Herz,Mein Herz hat seine Liebe.

Groß ist das Meer und der Himmel,Doch größer ist mein Herz,Und schöner als Perlen und SterneLeuchtet und strahlt meine Liebe.

Du kleines, junges Mädchen,Komm an mein großes Herz;Mein Herz und das Meer und der HimmelVergehn vor lauter Liebe.

* * *An die blaue Himmelsdecke,Wo die schönen Sterne blinken,Möcht’ ich pressen meine Lippen,Pressen wild und stürmisch weinen.

Jene Sterne sind die AugenMeiner Liebsten, tausendfältigSchimmern sie und grüßen freundlich,Aus der blauen Himmelsdecke.

Nach der blauen Himmelsdecke,Nach den Augen der Geliebten,Heb’ ich andachtsvoll die Arme,Und ich bete und ich flehe:

Holde Augen, Gnadenlichter,O, beseligt meine Seele,Laßt mich sterben und erwerbenEuch und Euren ganzen Himmel!

* * *Aus den Himmelsaugen droben,Fallen zitternd lichte FunkenDurch die Nacht, und meine SeeleDehnt sich liebeweit und weiter.

O, Ihr Himmelsaugen droben!Weint Euch aus in meine Seele,Daß von lieben SternenthränenUeberfließet meine Seele.

* * *Eingewiegt von MeereswellenUnd von träumenden Gedanken,Lieg’ ich still in der Kajüte,In dem dunkeln Winkelbette.

Durch die off’ne Luke schau’ ichDroben hoch die hellen Sterne,Die geliebten, süßen AugenMeiner süßen Vielgeliebten.

Die geliebten, süßen Augen,Wachen über meinem Haupte,Und sie klingen und sie winkenAus der blauen Himmelsdecke.

Nach der blauen HimmelsdeckeSchau’ ich selig lange Stunden,Bis ein weißer NebelschleierMir verhüllt die lieben Augen.

* * *An die bretterne Schiffswand,Wo mein träumendes Haupt liegt,Branden die Wellen, die wilden Wellen.Sie rauschen und murmelnMir heimlich in’s Ohr:„Bethörter Geselle!Dein Arm ist kurz, und der Himmel ist weitUnd die Sterne droben sind festgenagelt,Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen,Das Beste wäre, du schliefest ein.“

* * *Es träumte mir von einer weiten Haide,Weit überdeckt von weißem, weißem Schnee,Und unter’m weißen Schnee lag ich begrabenUnd schlief den einsam kalten Todesschlaf.

Doch droben aus dem dunkeln Himmel schautenHerunter auf mein Grab die Sternenaugen,Die süßen Augen! und sie glänzten sieghaftUnd ruhig heiter, aber voller Liebe.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Buch der Lieder, Die Nordsee, Erster Cyklus, S. 325–329, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nachts in der Cajüte“, Fassung 3.778.747 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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