Die Maid von Bodmann
Gustav Schwab · 1792–1850
175 Zeilen in 25 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Es schwillet aus den WellenDie grüne Maienau;Dort sitzt bei dem GesellenEine reine, süße Frau;Von Bodmann ist’s die treue Magd,Ihr Herz, ihr BlütheneilandHat sie ihm zugesagt.
„Ruh’ aus in meiner Laube,Und singe Lieder mir!Der Apfel und die Traube,Sie blüh’n, sie reifen dir!“Da sprach Herr Hug von Langenstein,Und sprang empor vom Rasen:„Nicht also soll es seyn!“
„Mir ist ein Bote kommen:Der alte Vater gernDas Kreuz hätt’ er genommen,Gehorcht dem Lehensherrn!So ist er krank und altersmatt,Den Sohn in frischer JugendSchickt er an seiner Statt.“
Nicht traurig soll der WilleDes Vaters seyn gethan;Die Maid weint in der Stille,Er schaut sie brünstig an:„Ich kehre heim, du süße Braut!Vertrau’ dem Christ im Himmel,Und bleib mir hold und traut!“
Er schwingt sich in den Nachen,Die Fluth trägt ihn davon,Den Vater gut, den Schwachen,Vertritt der starke Sohn.Der Gram um seine treue MaidEr wird zu grimmen Streichen,Davon erliegt der Heid’!
In Beten und in SehnenDie Jungfrau harrt im Haus,Bis bei den SaracenenDer lange Streit ist aus.Es kehret heim der Kämpfer Schaar,Sie schaut hinaus nach Einem,Den wird sie nicht gewahr.
Der Herbstwind rauscht im Laube,Der Apfel fällt vom Baum,Es reift die dunkle Traube:War alles denn ein Traum?Und endlich saust der Wintersturm:Herr Hug er liegt gefangenUnd wund im Heidenthurm.
Da hat der Jungfrau HoffenRecht wie ein DonnerstrahlDie böse Kunde troffen;Sie sitzet stumm im Saal.Es kam der Freier Schwarm herbei:Die Hoffnung ist gestorben,So lebet noch die Treu’! –
Die Hoffnung ist gestorben,So lebet noch die Treu’:Ob auch im Thurm verdorbenDes Ritters Jugend sey;Man beut ihm Freiheit, Gold und Ehr’,Wenn er vom Glauben lässet:Das thät er nimmermehr.
Von Jahr zu Jahr sie trauern,Sie sinken fleh’nd auf’s Knie,Er in den schwarzen MauernAuf grünem Eiland sie.Bis daß in einer FrühlingsnachtDas Wort des Herrn im TraumeWard vor sein Ohr gebracht.
Der Engel sprach zum Ritter:„Auf, opf’re dich dem Herrn,So springt dein Kerkergitter,So leitet dich sein Stern!“Der Ritter denkt der süßen Frau’n,Die Minne soll er opfern;Doch ach! er darf sie schau’n!
Und einem RitterordenGelobt er sich im Traum; –Sieh da, erfüllt ist worden,Was schien unmöglich kaum.Denn als er aus dem Schlaf erwacht,Das Kerkerthor steht offenIn sternenheller Nacht.
Er pflegt’ in jungen JahrenDer Sterne Wissenschaft,So zieht er, wohlerfahren,Gott stärket seine Kraft,Er führt ihn durch den heißen Sand,Und unter wilden Völkern,Bis an des Meeres Strand.
Durch Sturm und FelsenriffeBringt schnell und sicher ihnAuf einem ChristenschiffeDer Herr zur Heimath hin;Bald unter deutschem BlüthenschneeSteht er am alten UferUnd rudert durch den See.
Und aus den Wellenschäumen,Erfrischt vom Morgenthau,Mit Reben, Wiesen, Bäumen,Winkt grün die Maienau;Und eine selige GestaltDie Arm’ entgegen breitendRuft ihn mit Allgewalt.
Da wird sein Auge trüber,Sein Haupt fällt auf die Brust,Er lenkt den Kahn hinüberVon Liebe weg und Lust.Im Walde vor dem LandcomthurSteht er: im deutschen OrdenWill Gott er dienen nur!
Und einen Freund er sendetZur grünen Maienau,Den lezten Gruß er spendetDer herzgeliebten Frau.Da losch die Hochzeitfackel aus,Die ihr im Geist entglommen,Und starb in Nacht und Graus.
Und als aus tiefem LeideSie wieder hob den Blick,Da glänzt im BlumenkleideDas Eiland, wie im Glück;Da goß ein RebenblüthenduftSo süß Erinn’rungsträumeDurch die gewürzte Luft.
Jetzt kam, was Ruhe bringet,Ihr vor die Seele hell,Die Fluth, die sie umringet,Zertheilt ihr Nachen schnell;Es geht die schöne blasse MaidDurch ferne Lande schweigend,Im Blick der Liebe Leid.
Bald wird ihr Auge dreister,Und kecker wird ihr Schritt,Und vor des Ordens Meister,Den obersten, sie tritt.Sie sprach: „Nehmt hin, was noch ist mein,Zu Gottes Eigenthume,Ein reiches Inselein!“
„Es scheinet warm die SonneUnd pflegt die Rebe d’rauf,Und Früchte glüh’n in Wonne,Und Saaten gehen auf.Doch Eines, Eines bitt’ ich nur,Herr Langenstein, der Ritter;Der werde dort Comthur!“
Der Meister ihr gewähretDie fromme Bitte gern;Da war ihr Wunsch erhöret,Wie dankte sie dem Herrn!Da schied sie, Thränen in dem Blick,Da glänzet hell im HerzenZugleich des Liebsten Glück.
„So sind doch Ihm die Reben,Die Felder Ihm gebaut!Ihn wird die Laub’ umweben,Die mich und Ihn geschaut!Und wo zusammen wir gefleht,Ach, in der Burgkapelle,Da tönt doch sein Gebet!“
Wohin die Maid geflüchtet,Wo sie verweint die Zeit,Das hat kein Mund berichtet,Begraben ist ihr Leid;Doch in dem neuen Ordenshaus,Da tönte durch die WellenEin ernster Sang hinaus: –
„O Gottesminne, hehre,Du hast gelenkt mein SchiffAuf sturmbewegtem MeereVorbei am Felsenriff.Doch sanfte Still’ und wahre Ruh’,Die hab’ ich nie genossen,Wann deckt das Grab mich zu?“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 385–391, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Maid von Bodmann (Schwab)“, Fassung 3.534.673 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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