Die seltne Kur
Gustav Schwab · 1792–1850
126 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Ein Ritter ist der Herr von Sax,Der reichste Mann am Rheine,Er angelt in dem See den LachsUnd jagt den Hirsch im Haine;Er reitet an der eig’nen SaatVorüber meilenlang den Pfad,Und preßt die wärmsten Weine.
Warum hat er mit Mühe dochEin Fräulein heimgeführet?Ist nicht sein Wuchs so schlank und hoch,Wie’s einem Mann gebühret,Die Wange braun, die Lippe warm,Die Brust gewölbt und stark der Arm,Wie’s gern ein Mägdlein kühret?
An Leib und Seel’ ihm nichts gebricht,Er wär’ ein stolzer Degen,Hätt’ er zu viel nur Eines nicht,Zu viel, das ist kein Segen:Ach, an dem wohlgestalten KopfDes edlen Ritters hing ein Kropf,Der blieb’ wohl unterwegen!
Doch leider mit ihm wandelt erZu Hof und in die Städte,Macht ihm die Liebesseufzer schwer,Und steigt mit ihm zu Bette,Er zieht ihn auf den Boden schierUnd drückt beim festlichen TurnierAls Spange mehr und Kette.
Da kreutzten wohl die Fräulein sich,So gut den Speer er führte,Bis endlich eine, tugendlichUnd arm, ein Mitleid spürte,Dem Ritter that es selber leid,Als ihm den Hals die schöne MaidNoch vor dem Mund berührte.
Er zieht mit ihr in’s hohe SchloßIm Forst auf Felsengrunde;Dort zeiget ihr der EhgenoßDie Güter in der Runde;Sie lebt in Freud’ und Ueberfluß,Drum trägt sie gern den UeberschußAn ihres Herren Schlunde.
Und schöne Kinder lächeln ihr,Dem Ritter gleich gestaltet,Nur daß der Köpfe schmucke ZierAuf schlanken Hälsen waltet,Doch nimmt der Vater sie auf’s KnieDen schweren Athem fürchten sie,Daß er die Stirne faltet.
Ein solcher Kropf verträgt sich fastNicht mit der Vaterwürde,Drum wird das Leben ihm zur Last,Wie seines Halses Bürde;Er athmet, wie er pflegte, tief,Und zog, als ihm die Fehde rief,Fern aus von Hof und Hürde.
Was soll ich länger Weib und KindMit meinem Anblick plagen?Drum in den wilden Kampf geschwind,Sie mögen mich erschlagen!Er spricht’s und aus dem dichten WaldBricht schon der Feinde Hinterhalt,Eh’ es begann zu tagen.
Er ficht umringt von seinem Troß,Er sieget wider Willen,Der wilde Gegner schwenkt sein Roß,Und möchte flieh’n im Stillen:Allein dem Freiherrn däucht’s nicht gut,Ihn dürstet nach dem eig’nen Blut,Er will sein Loos erfüllen!
Darum erjagt er auf der FluchtDen Führer in der Oede.Steh! schreit er, und der Hiebe WuchtBegleiten seine Rede;Da hieß es ehrlich: nimm und gieb,Nach manchem Wechselstoß und HiebZu Boden fielen Beede.
Von seinem Beigewicht Herr Sax,Der Andre von dem Streiche,Doch schwinget seinen Speer da stracksDer wunde, todesbleiche:Er traf den Freiherrn in den Hals,Er freuet sich noch seines Falls,Reckt sich und liegt als Leiche.
Und überströmt von seinem BlutLag auch der edle Ritter;Leicht ist sein Athem und sein Muth,Ihm dünkt der Tod nicht bitter,Still grüßt er Weib und Kinder klein,Er schläft zu sanftem Schlummer ein,Wie nach der Aernt’ ein Schnitter!
Doch wacht er wieder auf vom SchlafIn eines Bauren Hütte,Gebettet und gepfleget brav,In seiner Knappen Mitte,Gesund vom Fuß bis an den Kopf,Nichts fehlt dem Ritter – als der Kropf,Dank jenem Meisterschnitte!
O Zeichen, das an ihm gescheh’n,Ihn hat der Feind kuriret!Wie stattlich ist er anzuseh’n,Wie ihn jetzt alles zieret:Das hohe Haupt, das braune Haar,Das freie Kinn, das Schulternpaar,Der Hals, ganz schmal geschnüret!
So reitet er zum Felsenhaus,Das aus dem Walde blinket;Zum Fenster schaut die Frau heraus,Er grüßt, er nickt, er winket:Sie sieht die herrliche Gestalt,Die Brust von einem Seufzer wallt,Ihr Blick zu Boden sinket.
„Ein Bot’ ist’s wohl von meinem Herrn,Er bringt mir Siegeskunde!Solch einen Boten schau’ ich gern!“Denkt sie im Herzensgrunde.O Wunderwonne! wer in LustDrückt stolz und schön sie an die Brust,Hängt ihr verjüngt am Munde?
Die Kinder strecken nach ihm aus,Dem schönen Mann, die Hände,Und Jubel hallt durch’s ganze Haus,Durchdröhnt die Felsenwände.Sein Stamm, der blühte reich belaubt,Hoch trug der edle Sax das HauptBis an sein selig Ende.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 396–400, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die seltne Kur“, Fassung 3.573.914 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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