Die Böhmenkönigin in Schwaben
Gustav Schwab · 1792–1850
188 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Nach der Weise: Mag ich Unglück nicht widerstahn etc..O Böhmenland mit Bergen stolz,Mit dunklem Holz,Mit süßen frischen Quellen!Was hörest du für frommen SchallIm WiderhallAus deinen Thälern schwellen?Wer singt so schlichtVom Glaubenslicht?Wer wiegt so feinDen Kummer einAuf sanften Liedeswellen?
Maria, deine Königin,Erneut im Sinn,Die hat so hell gesungen,Durch Ungarn und durch Böhmen istVon Jesus ChristIhr heilig Lied gedrungen;Wohl durch das Schloß,Wohl durch den Troß,Bis in den SaalZum EhgemahlHat es sich frei geschwungen.
Herr Ludwig steht im Eisenkleid,Macht sich bereit,Will mit dem Türken ringen.Er spricht ergrimmt: „wer darf so freiVon KetzereiAn meinem Hofe singen?Auf Riesen wag’Ich jetzt den Schlag;Da kommt der ZwergVon Wittenberg,Legt meinem Weibe Schlingen!“
„Drum wand’re, Frau, aus meinem HausZur Fern’ hinaus,Laß dich nicht Fürstin nennen!Leg’ ab dein würdig Königskleid,Laß das GeschmeidVon deinem Halse trennen!Fleuch meinen Grimm,Die Harfe nimm,Ja sing’ dich fortVon Ort zu Ort,Ich mag dich nicht mehr kennen!“
Sie schaut ihn an voll Lieb’ und Treu’Doch ohne Reu’,Sie thät, wie er befohlen.Durch Berg und Thal, ihr wohlbekannt,Im BöhmerlandSie wandelt fort verstohlen;Ein Schloß bald lauscht,Ein Quell bald rauscht;In’s SaitenspielSie endlich fiel,Da sang sie unverhohlen:
„Richt’, wie ich woll’, ich jetzt mein Sach,(Weil ich bin schwach,Und Gott mich Furcht läßt finden)So weiß ich, daß kein’ G’walt bleibt fest;Ist’s allerbest’, –Das Zeitlich’ muß verschwinden.Das ew’ge GutMacht rechten Muth,Dabei ich bleib’,Wag’ Gut und Leib;Gott helf’ mir’s überwinden!“
Und wo die Elb’ im Grunde tost,Trat sie getrostHervor in fremde Lande;Die fromme, schöne HarfnerinSie ziehet hinIm ärmlichen Gewande;Hoch ist ihr Muth,Grüßt Sachsen gut,Wo schon das LichtDurch Wolken bricht;Da wird ihr leicht die Schande.
Doch sehnt sie sich in’s Ferne weit,Zur EinsamkeitIn tiefen Thalgewinden.Wann birgt sie wieder Felsenwand?O Böhmenland,Wo wird sie neu dich finden?O Brunn, o Wald,Vom Lied durchhallt!O Berges Schutz,Du Menschentrutz!Sie sah euch all’ verschwinden!
So wallet sie durch’s eb’ne LandIm flachen Sand,Bis sie zur Stätt’ ist kommen,Wo schöne Hügel, rund und grün,Drauf Reben blühn,Sie wieder aufgenommen.Doch weilt sie nicht;Im AbendlichtSteigt wie ein TraumEin Bergessaum,Dort ruft das Ziel der Frommen.
Das ist die theure Schwabenalb,Die allenthalbBlau nach der Eb’ne winket,Wo man auf Haiden hoch und kühlFern vom GewühlDie reinen Lüfte trinket,Wo BlüthenduftZu Thale ruft;Man wandert schnell,Bis man am QuellIn Waldesschatten sinket.
Und als sie durch der Thäler PfadIn Wälder trat,Aus denen Felsen stiegen,Und als sie auf den Spitzen ringsSah rechts und linksDie alten Burgen liegen,Da sang sie hellAn einem Quell,Da flog der HallVom BergeswallWie Engelsstimmen fliegen.
„Ich habe dich mein Böhmenland,Von Gott gesandt,Willst du mich hier umschließen.Es steigt dein Berg, es schießt in’s ThalDein Wasserstrahl,Und deine Wälder sprießen!Auch Gottes LichtIst ferne nicht!Es rauscht, es mußDes Heiles FlußBald durch dies Land sich gießen!“
Vom Berge grüßet alt und grauEin Schloß die Frau,Zerrissen, ausgestorben.Dort zieht die fremde Herrin ein,Ein KämmerleinHat sie sich bald erworben;Sie singt voll RuhDen Trümmern zu:„Kein G’walt bleibt fest,Sey’s allerbest’,Das Zeitlich’ ist verdorben!“
Sie wallt an jedem Tag den Weg,Den Felsensteg,In’s tiefe Dorf hernieder,Ein Heilbrunn, wie im Vaterland,Quillt aus dem Sand,Und labt die müden Glieder;Im Kirchlein stehtSie oft und flehtFür den GemahlUm Gottes Strahl;Sie singt viel Sehnsuchtslieder.
So lebet sie von Jahr zu Jahr,Selbst arm, sie warDer Armen Trost und Segen.Da tönt im Dorf ihr einst von Krieg,Von TürkensiegVerworrne Klag’ entgegen.„O Frau, so fromm!Komm, bete, komm!In Ungarn istDer Widerchrist!Ein König ist erlegen!“
„Es liegt des Königs Ludwig RumpfVersenkt im Sumpf,Sein Haupt ist abgeschlagen!“Die Fürstin starrt, es bricht in SchmerzDas treue Herz,Sie kann nicht weiter fragen.Die Harfe schweigt,Ihr Haupt sich neigt,Sie sinket umVerbleicht und stumm,Wird todt hinweggetragen.
Ihr eignes Lied, das sangen leis,Zu Gottes Preis,Viel Mägdlein fromm und Knaben;Da ward sie, wie im Vaterland,Am BergesrandBeim kühlen Quell begraben,Ihr Lob erschallt,Durch Thal und Wald,Sie harrt des Herrn,Sie ruhet gern,Die fremde Frau, in Schwaben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 340–346, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Böhmenkönigin in Schwaben“, Fassung 3.487.189 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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