Die Tübinger Schloßlinde
Gustav Schwab · 1792–1850
74 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1828
1.Und wie sollt’ ich dein vergessen,Du getreue Musenstadt,Die mein ganzes Herz besessenUnd mich wohl gepfleget hat.
Von dir singen, von dir sagenKönnt’ ich gar viel Leid und Freud’,Doch, nicht ist’s aus fernen Tagen,Ach! mir ist, als wär’s erst heut!
Aber heute gieb mir KundeTief aus deiner alten Zeit,Als dich von dem schwäb’schen BundeUlrich, unser Herr, befreit.
Zwar er kam in schwerem Zorne,Schlug dir ein dein zagend Schloß,Daß die Sträucher und die DorneStanden auf den Trümmern bloß.
Doch er hat es neu erbauet,Stark und fürstlich es erhöht;Blickt, ihr Enkel, auf, und schauet,Wie es noch so stattlich steht!
Stolz auf seinem schlanken RennerRitt der Herzog mitten ein,Hoher Rath der weisen MännerZog gemächlich hinterdrein.
Aus den Zellen, aus den Schenken,Dicht in Mantel und in Bart,Sah man Hut und Degen schwenkenDen Studenten alter Art.
Vor den Thoren vom BaretteWirft der Fürst ein Lindenreis:„Wachs’ und blüh’ an dieser StätteAls ein Bäumlein grün und weiß!“
Keiner wagt es drauf zu treten,Frommer Boden hüllt es ein,Unter Jubeln und GebetenGeht der Zug zur Burg hinein.
2.Als sie funfzehn Jahr gestanden,Sah’n schon alle Steine grau,Vieles hatten überstandenFürst zumal und Fürstenbau.
Denn das span’sche KriegsgewitterWar gezogen durch das Land,Doch am Thor die steinern’ RitterHielten unbezwung’nen Stand.
Und die Linde vor den ThorenRauschte freudiglich darein,Als von Fürstenhand erkoren,Freie Wächterin zu seyn.
Rauscht’ und blühte funfzehn Jahre,Bis ein Winter wieder kam,Der den Herzog auf der BahreVon dem treuen Schlosse nahm.
Mit der welken Blätter ZitternFlüsterte sein Baum darein,Und das edle Paar von RitternJetzo schien es erst von Stein.
Lehrer viel und Schüler wallenDurch die Straßen schleichend bang,Aus den Sälen, aus den HallenTönt ein frommer Sterbgesang.
Doch die graue LandesvesteZeuget noch von ihrem Herrn,Hätten gleich die fremden GästeSie zerstöret gar zu gern .
Und der Baum der blüht noch immerSeit manch hundert Sommern gut,Ziert mit grüner Zweige SchimmerManchen freien Musenhut.
Horch, sie rauscht im Abendwinde,Wandle, Herzog, durch dein Schloß,Komm’ und pflück’ von deiner LindeEinen frischen Blüthensproß!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 264–267, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Tübinger Schloßlinde“, Fassung 3.578.609 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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