Die Schwabenalb
Gustav Schwab · 1792–1850
77 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Als Einleitung.
Ich lieg’ auf weichem Bette,Auf moos’gem Eichengrund,Und vor mir Kett’ auf KetteDu festes Alpenrund!
Ich sing’, ich darf es wagen,Es muß ein Lied entstehn,Ich brauche nur zu sagen,Was ich ringsum gesehn:
Ganz ferne dort zur Linken,In ros’gem Abendschein,Seh’ ich ihn duftig winken,Den hohen Rosenstein.
Gesang! vorüberschwelleAn seiner Felsenkluft;Mit leuchtender KapelleDer fromme Rechberg ruft.
Ich spend’ ihm ein Gebete;Bereitet und erbaut,So schau’ ich nach der Stätte,Wo Hohenstaufen graut.
Von Klängen und von BildernWird mir da mächtig bang,Man sänge, sie zu schildern,Wohl ein Jahrhundert lang.
Wer forscht nach Staufens Preise,Mag zu den Trümmern gehn,Dort wird mit GeisterweiseIhn ew’ges Lied umwehn.
Vorüber nun an Bergen,Durch manche Namen groß,Die, ein Gefolg von Särgen,Umlagern dieses Schloß.
Durch Höh’n und Thäler flüchtig,Bis zu dem scharfen Eck:Dort aber steht gewichtigDie herzogliche Teck.
Mit Felsen und mit HöhlenTreibt Abendlicht sein Spiel,Zu schau’n und zu erzählenGiebt’s hier des Ernsten viel.
Man hat dich lassen schleifen,Vergessner Waffensaal!Wie neu erbaut, o Neufen,Glänzst du im Sonnenstrahl.
Und süß tönt’s, wie die Cither,Aus deiner Hallen Grund! –Dort sang dein edler RitterVon Liebchens rothem Mund.
Aus der Gebirge KerkernSchaut Urach ernst herab,Mit morschen Thurmeserkern,Mit seines Dichters Grab.
Wie schmiegt der Bäume Wipfel,Wie Rebe sich und HalmUm deinen schlanken Gipfel,Du herrliches Achalm! –
Dort, wo die Eichen sprossen,Wo Heidenmäler stehn,Von Farren und von RossenNoch sprechen jene Höh’n.
Doch Blick und Lied in vollern,In schnellern Bahnen zieht!Das ist ja Hohenzollern,Was noch so sonnig glüht!
Der Staufen ist gesunkenIn abendliche Nacht,Du aber stehst noch, trunkenVon königlicher Pracht!
Und höher, höher ziehetDer Sonne letzter Strahl,Bis er auch dir entfliehet,Und deine Stirn ist fahl.
Und Duft und Nebel füllet,Was rings von Bergen steht,Und Herz und Lied sich hülletIn schweigendes Gebet.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 299-302, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Schwabenalb“, Fassung 3.571.017 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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