Nikodemus Frischlin’s Vater
Gustav Schwab · 1792–1850
186 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Es wachsen Dichter viel in Schwaben:Von welcher Art und welchen GabenMag eines Dichters Vater seyn?Er ist die Rebe zu dem Wein,Er ist die Wurzel zu der Blume:Die wirken zu der Kinder Ruhme,Die Rebe mit dem herben Saft,Die Wurzel mit der stillen Kraft;So sind im Dunkeln sie geschäftig:Drum soll man, wann die Blüth’ ist kräftig,Und wann der Most quillt aus den Pressen,Der Reb’ und Wurzel nicht vergessen.Indeß der Kinder LebenslaufIn Lust und Wonne glänzet auf,So schlummern sie, wann jene glühen,Den Winterschlaf nach Last und Mühen.Drum soll man sie vergessen nicht:Ihr treues Thun war ihr Gedicht. –Den Sänger preist ihr mit Bedauern,Der von der wald’gen Feste Mauern,Wo er durch seines Fürsten HaßVerwelkt im einsamen Gelaß,(Ein Reis will nicht im Kerker blühen,Ein Wein im Fasse nicht verglühen,)Sich an dem selbst geschaff’nen SeilDurch kühnen Sprung versucht sein Heil,Und weil zerriß das mürbe Band,Zerschellt ward an der Felsenwand.Man sah ihn liegen, als es tagte,So gräßlich, daß sein Todtfeind klagte,Und weinte laut und sprach im Harm:„O hätt’ ihn aufgefaßt mein Arm!“Er lebt in Liedern, die noch klingen;Mich laßt von seinem Vater singen,Vom Stamm, der trug die edle Frucht,Die früh fiel in die Felsenschlucht.
Sein Vater war ein Pfarrherr treu,Der streut’, als Gottes Wort ward neu,Mit stetem Fleiß die gold’nen Körner,Und reutet’ aus die schlimmen Dörner,Die auch im Schwabenland gewachsen,Mit Luthers guter Art aus Sachsen.So ward er von der Kirche RathGesendet hie und dort zur Saat;Die streut’ er fröhlich in der MildeDer vaterländischen Gefilde,Er wurde wohl durch’s halbe Land,Zuletzt zur rauhen Alb gesandt.Er denkt: es ist schon recht und billig,Der Ackermann muß froh und willigAn jedem Boden sich versuchenUnd keiner harten Erde fluchen.Auch blieb er fröhlich Jahr um JahrBei seiner Arbeit immerdar.
Die Hoffnung hat ihn nicht betrogen,Er hat ein gut Geschlecht erzogen,Und nicht so kalt war, wie sein Land,Des Volkes Herz, Will’ und Verstand.Doch konnt’ er nicht den Wunsch verschweigen,In’s warme Thal hinab zu steigen.Und lachend sprach er manchesmal:Wenn nur zu Berge, wie im Thal,Der Elemente viere wären,So hielt’ er wohl das Feld in Ehren. –Nun aber sind auf meiner AlbDer Elemente nur dritthalb.Wohl obenan steht Luft und Wind,Und ihrer mehr als nöthig sind.Das zweite, spricht er, ist das Feuer,Denn wo viel Wald, ist Holz nicht theuer,Die Erde ist das halbe dritte,Sie blickt kaum aus der Felsen Mitte;Das vierte fehlt, das Wasser, gar,Da strömt kein Fluß, kein Brünnlein klar;Im Keller liegt ein saurer Wein,Der muß für mich das vierte seyn!“Drum als man ihn zu Thale ließ,Meint’ er zu seyn im Paradies.Ein freundlich Dorf thät ihn erwarten,Ein reicher Obstwald rauscht’ im Garten,Die Saat aus fetter Erde sproß,Und manches helle Brünnlein floß.So war Natur ihm heimgegeben:Doch prüfen sollt’ ihn auch das Leben. –In seiner Dorfgemeinde schwiegDer Geist noch nicht vom Bauernkrieg,Drum dachten sie vor allen Pflichten,Freiheit und Gleichheit aufzurichten;Beschlossen alsbald unter sich,Daß in dem Dorfe männiglich,So wie die Reih’ an Jeden käme,Der Schafe Hut er übernähme:Das sollte gelten Arm und ReichUnd Haupt und Gliedern, allen gleich.Drum, als die Reih’ am Pfarrer war,Entbietet ihm der Schultheiß gar,Er soll am Tage Sankt BaptistSchafhirte seyn die schuld’ge Frist.Frischlinus spricht: „mein Freund, ihr irrt,Bin ich doch euer Seelenhirt,Und nicht bestellt zu allem Beiden,Die Schaf’ und Seelen abzuweiden.“Doch keine Widerrede gilt,Der Bauer will’s, er dräut und schilt.„Nun an Johann des Täufers Tage,Denkt Frischlin, ziemt sich keine Klage:Der ward im härenen GewandVon Gott zur Wüsten ausgesandt;Heuschrecken waren seine Kost: –Du kannst, erquickt von Fleisch und Most,Ein kurzes in des Morgens SchauernAuf blüh’ndem Felde wohl verdauern.“Vor Sonnenaufgang steht er auf,Und treibt hinaus der Schafe Hauf.Ein guter Hirt im Kirchenrock,Ein guter Hirt am Schäferstock,Weiß er die besten, grünsten WiesenDer schönen Heerde zu erkiesen.So weidet er fünf Stunden fort,Da läutet drinnen es im OrtDer Morgenpredigt erstes Zeichen;„Jetzt,“ spricht er, „ist es Zeit zu weichen,Ihr guten Schaf’, ich hab’ euch gern,Doch hüt’ ich and’re noch dem Herrn:Ihr findet ohne mich den Segen,Freßt, was euch eben ist gelegen,Die andern finden’s nicht so leicht,Sie brauchen Predigt oder Beicht.“
Die Heerde schickt er so feldein,Dicht an ein fettes Aeckerlein.Und wandelt wohlgemuth und munterDen Rein hinab in’s Dorf hinunter;Und auf dem Weg zum GotteshausTrifft ihn der Schulz und lacht ihn aus:„Nun, Pfarr, wie hat es euch geschmeckt?“ –„„Den Schäflein ist der Tisch gedeckt –Spricht jener – laßt nun euch bedienen,Und nach der Kirche schaut nach ihnen.““Der Schultheiß aber hat nicht Ruh,Er wandelt stracks dem Felde zu;Den Pfarrer darf er schelten nicht,Den rufet ab die größ’re Pflicht,Doch er muß nach der Heerde schauen,Er darf sie nicht ihr selbst vertrauen,Der Weg ist kurz, das Feld ist nah’,Zur Predigt ist er wieder da.Er geht und schauet sich ringsum:Die Schafe sind doch nicht so dumm;Die Wiese haben sie verlassen,Und gehn auf einen Acker prassen,Auf dem die junge SommersaatJust stand im rechten Festtagsstaat.Und wie er näher tritt und schaut,Den Schulzen überläuft’s, ihm graut;Das dumme Vieh, es hat, vermessen,Das eig’ne Feld ihm abgefressen! –Er eilt in’s Dorf mit stillem Grimm,Dem Pfarrer soll es gehen schlimm. –Das Lied erschallt noch aus dem Tempel,Der Schulz muß geben das Exempel.Er muß zur Kirche; stumm und bleichSitzt er, und sinnet ob dem Streich.Der Pfarrer auf der Kanzel drobenBeginnt in frommem Wort zu lobenJohann den Pred’ger in der Wüste,Wie er das Heil der Welt begrüßte;Dann zeiget er des Pred’gers Pflicht,Die geistlich ist, und irdisch nicht:Erleuchten soll er, trösten, strafen,Ein Hirte seyn von Christi Schafen.Das alles, demuthsvoll und mild,Beweist er an des Täufers Bild.Daß manches Herz ward reuevoll,Aus manchem Aug’ ein Tropfe quoll.Dem Schulz auch anders war zu Muth,Es legte sich sein hitzig Blut,Und eh’ der Segen zugemessen,Hat er das Ackerfeld vergessen.Der Pfarrer lenkte heim den Schritt,Und nahm viel hundert Grüße mit,Ja, Viele zogen ab die Mützen,Die sie heut morgen ließen sitzen,Und auch der Schultheiß zu ihm trat,Sein Aug’ ihn zu vergessen bat,Er reicht die Hand und spricht bescheiden:„Herr Pfarr! ihr sollt nicht ferner weiden!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 307–312, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nikodemus Frischlin’s Vater“, Fassung 3.791.735 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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