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Versbuch

Die Glocke vom Wunnenstein

Gustav Schwab · 17921850

184 Zeilen in 23 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Es steigt ein schöner Hügel,Er steht voll Wald und Wein;Dort weht der Lüfte FlügelSo kühlend und so rein.Er trägt umsonst von WonneDen alten Namen nicht,Es glänzt sein Haupt voll SonneBis spät zum Abendlicht.

Und wenn ihr stehet drobenUnd seht die gold’ne Flur,Wenn es euch drängt, zu lobenDie herrliche Natur;Wollt ihr im Lied euch laben,Durch drei der Lande hallt’s:Durch Franken und durch SchwabenUnd in die blaue Pfalz.

Wohl lauschte heil’gen KlängenDie graue Vorzeit schon:Eine Glocke sah man hängen,Die gab so hellen Ton.Sie glänzte goldig im Blauen,Wenn sie geschwungen ward,Von frommen KlosterfrauenGeschenk von selt’ner Art.

Wenn man sie hörte niedenIm Dorf und nahen Thal,Da legten sich im FriedenDie Menschen nach dem Mahl.Sie schliefen bei dem Klange,Nach heißem Sommertag,Und ihnen war nicht bangeVor Blitz und Wetterschlag.

In ihrem Erz da lebteSo segenvolle Macht,Als wenn ein Herz drin bebte,Laut schlüg’ auf hoher Wacht.Wenn die Gewitter dräuten,Hört’ man aus hohem SitzSie durch die Donner läuten,Und sah sie glüh’n im Blitz.

Und auf die fromme StimmeHorcht’ aller Wolken Schaar,Daß sie in scheuem GrimmeZerstäubten wunderbar.Da fuhren links die WetterZum Albgebirge bald,Und rechts ab mit GeschmetterZum fernen Odenwald.

Und weh den schönen Fluren,Durch die sie zogen hin,Wo auf die grausen SpurenDie Morgensonne schien!Doch an des Berges FußeDas Dörflein sicher lag,Da schaute mit heiter’m GrußeHerein der junge Tag.

Den dichten BlumenlaubenKein Blättlein war gekränkt,Die Pfirschen hatte, die TraubenEin süßer Thau getränkt.Es wogten froh die Aehren,Und wie vom Regen die Flur,So glänzte von FreudezährenDer Menschen Antlitz nur.

Da sah mit stillem NeideHeilbronn, die reiche Stadt,Daß solche WetterscheideDas arme Dörflein hat.Es muß sie wohl gelüsten,Der Klang tönt gar so hold;Wozu liegt in den KistenDas Silber und das Gold?

Des Schatzes Augen lauernMit tückisch rothem Schein;Sie bieten ihn den Bauern,Er lacht aus off’nem Schrein,Sie sind bereit zu legenIhr Gold den Weg entlang,Sobald der Glocke SegenVon ihrem Thurme klang.

Bald hat die schwachen HerzenDer eitle Glanz bethört:„Es läßt sich ja verschmerzen,Daß man sie nicht mehr hört!Was kann ein Erz, das blinde?Hell blickt des Goldes Strahl!Auch haben wir Berg’ und Winde,Die schützen unser Thal!“ –

Und unter dumpfem DröhnenDie Glocke steigt vom Thurm,Es tönt, wie banges Stöhnen,Zerriss’ner Klang im Sturm.Auf einen stolzen WagenLäd’t sie das Stadtvolk auf;Er kann die Wucht kaum tragen,Oft stockt der Rosse Lauf.

Und wie sie langsam führtenDurch’s Thal den Trauerzug,Die Wind’ und Wolken sich rührten,Sich senkte der Vögel Flug;Und brütend lag die HitzeAuf Feld und Wald ringsum,Es leckten scheue BlitzeDen Boden bleich und stumm.

Und als sie vor den ThorenAbluden ihren Hort,Da sprach in ihre OhrenDer Donner ein zornig Wort;Und als man hub die GlockenMit Eile den Thurm hinan,Sie kam hinauf nicht trocken,Zu traufen es begann.

Jetzt ist es Zeit zu läuten,Der Thürmer faßt den Strang.Doch wehe, was will’s bedeuten?Die Glocke gibt keinen Klang!Da draußen aber stürmetDer Hagel und zuckt der Blitz,Und Wolk’ auf Wolke thürmetDes Himmels finst’rer Sitz.

Wie bang sie horchen AlleZum Glockenthurm empor,Nicht tönt von ander’m SchalleDenn schwerem Donner das Ohr.Es winkt des Himmels FeuernDas glühende Metall,Und Häuser und volle ScheuernErgreift der Flamme Schwall.

Die Felder sind zerschlagen,Die Bäume sind zerschellt,Von Beten und von KlagenErschallen Stadt und Feld:„Die Luft läßt nicht vom Sturme,Der Himmel hängt voll Nacht,Seit wir nach uns’rem ThurmeDen stummen Fluch gebracht!“

So lösen sie mit ZitternDie Glock’ im hohen Haus,Da hallt von den GewitternDer Donner mählig aus.Mit Macht und Müh’ gehoben,Steigt sie zum Wagen empor;Der blaue Himmel drobenThut auf das schwarze Thor.

Zwölf starke Rosse ziehenAm Wagen schnaubend fort;Doch fehlt die Kraft den Knieen,Sie kommen kaum vom Ort;Eilt, eilet, seyd nicht träge,Fort mit dem schlimmen Gast! –Doch auf dem halben WegeErliegen sie der Last.

Es hatten groß BetrübenDie Bürger bei dem Zug;Da kommt vom Dorfe drübenEin Bäuerlein am Pflug.Wie der die Glock’ erblicket,So weint er wie ein Kind,Hat schnell sich angeschicket,Lös’t seine Stiere geschwind.

Er spannt sie vor den WagenUnd schickt die Rosse fort,Die Bürger steh’n und zagen –Denn auf sein SchmeichelwortErmannen sich die Thiere,Sie ziehen rüstig, leicht,Am Dorfe sind die StiereBevor der Tag erbleicht.

O, herzlicher WillkommenMit Liedern und Gebet!Wie, aller Angst entnommen,Das Dörflein aufersteht!Denn auf den Knie’n gelegenWar es in Wettersnacht,Weil draußen stand sein SegenVerwais’t und unbewacht.

Es stand der Berg im FlimmernDes letzten Sonnenstrahls,Und wieder sah man schimmernDie Wächterin des Thals;Und als des Abends DunkelVerhüllend niedersank,Ertönt’ im SterngefunkelVon selbst der fromme Klang.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 253–259, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Glocke vom Wunnenstein“, Fassung 3.510.357 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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