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Versbuch

Die Steinlacherin und der Russe

Gustav Schwab · 17921850

64 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Dort steht der fremde FeldhauptmannDen Mägden zu Gefallen,Er sieht sich keck die Weiber an,Die aus der Kirche wallen.

Ein Mägdlein tritt zuletzt heraus,Die schönst’ im ganzen Flecken,Sie schickt die blauen Augen aus,Und ruft sie heim vor Schrecken.

Es säumt geheimnißvoll der FlorDie langen Augenlieder,Es drängt die keusche Brust hervorDas weiche Scharlachmieder.

Auf blanken Spitzen lagern sichDes Haares braune Flechten,Die linke Hand liegt tugendlichAm Gürtel auf der rechten.

Sie schreitet fürder mit dem BuchZu Hause fromm und munter,Noch ferne glänzt das blaue Tuch,Es wallt den Leib herunter.

Der Kriegsmann geht, im Blicke Gluth,Wie tiefdurchglühte Kohlen,Dem Wirth befiehlt sein Uebermuth,Die junge Magd zu holen.

Die bärt’ge Lippe rühret erZu raschem, kurzem Worte,Da trägt der Wirth ein Herz gar schwerZu seines Nachbars Pforte.

Der graue Vater hört’s mit Harm,Hat seinen Gram verborgen:„Komm,“ spricht er, „Kind, an meinem Arm;Laß den im Himmel sorgen!“

So führt er sie dem Hause zu,Er wappnet sich zum Streite:„Nach meinem Kind, Herr, fragtest du?Hier steht es mir zur Seite.“

Die Jungfrau lehnt sich an den Greis,Mit zagendem Vertrauen,Es war an seiner Locken EisIhr Blüthenhaupt zu schauen.

Der Jüngling aber stellt sich fern,Er scheut, sie zu verletzen,Er winkt mit regem Augenstern,Bis sie sich beide setzen.

Dann setzt er sich zu unterst an,Wo er im SonnenlichteSich recht ergehn und laben kannAuf ihrem Angesichte.

Er blickt in ihrer Wangen Blut,In ihrer Augen Bläue,Die Hand ihm auf der Stirne ruht,Er schaut, und schaut auf’s Neue.

Da weicht aus seiner Brust die Pein,Da wird sein Auge milde,Sein Sinn wird still, sein Herz wird reinVor Gottes Ebenbilde.

Es läßt sein Mund aus rauhem BartEin kindlich Lächeln schauen,Bethränte Blicke weben zartSich unter dunkeln Brauen.

Dann steht er auf und reißt sich los,Langt nach des Vaters Händen,Er warf ein Gold ihm in den Schooß,Und thät sich schweigend wenden.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 316–318, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Steinlacherin und der Russe“, Fassung 3.577.060 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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