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Versbuch

Weihnachten

Rudolf Lavant · 18441915

58 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1883

(Illustration Seite 169.)

O Kinderzeit! ein holdes Wunder führeDich uns zurück! ― Ach, nimmer kann es seinWie einst, da durch die angelehnte TüreGeheimnisvoll uns grüßte Kerzenschein:Da durch den Spalt der Duft und leis GeknisterVon angesengten Fichtennadeln zogUnd jedes Glied am Leibe der GeschwisterIm frohen Fieber der Erwartung flog.

Bleich vor Erregung, Wang’ an Wange lehnendUnd Hand in Hand, so stand das kleine Paar,Herbei den Augenblick, den großen, sehnend,Der ihrer Nächte Traum seit lange war.Und als des Wartens stumme Pein geendet,Wie stürmten sie ins Zimmer dann mit MachtUnd standen doch, verwirrt, betäubt, geblendetVor all der goldnen, ungeahnten Pracht!

Sie boten dann die anmutreichste Gruppe,Der eignen Anmut kindlich unbewußt.Das kleine Mädchen herzt die neue PuppeIn dunkler Ahnung künftger Mutterlust.Das Herz des Knaben hängt an andren Sachen;Er schließt die wärmste Kameradschaft schnell ―Was hat er doch für ein Gesicht zum Lachen,Der drollig ˶ häßliche Polichinell!

Und wie die Kerzen mälich niederbrennen,So sinken mälich auch die Augen zu,Und dann ― wie könnte man sich wieder trennen? ―Geht mit den neuen Freunden man zur Ruh.Nach all dem Jubel friedlich ˶ tiefes Schweigen ―Der Nadeln feiner Duft erfüllt den RaumUnd liebe Bilder mögen wohl sich zeigenDen Schlummernden ― sie lächeln noch im Traum!

Ach, unser Blick muß sich beklommen senkenVor Kinderwonne und vor Kindersinn.Im rauen Leben sind sie, eh’ wir’s denken,Auf immerdar verloren und dahin.Kein Paradies, kein Himmel steht uns offen,Von jeder Freude wird uns nur ein Stück ―Nur bei den Kindern ist ein reines Hoffen,Nur bei den Kindern ist ein volles Glück!

Wem oft und oft ― der Menschen Los auf Erden! ―Die bitterste Enttäuschung widerfuhr,Der muß zuletzt des Hoffens müde werden,Der hat ein halbes, laues Hoffen nur.Und jene wieder, die Erfüllung fanden,Nach langer Mühe, Kummer und Gefahr,Sie haben traurig lächelnd sich gestanden,Daß schöner doch die arme Hoffnung war.

Doch fort mit schmerzlich klagenden Geberden,Wie auch das Schicksal sei, daß ihr gelost!Wir können nicht wie Kinder wieder werden,Doch gibt’s auch dafür einen lieben Trost.In eines Kindes glockenhellem LachenIst die Versöhnung mit der Welt erreicht ―Ihr müßt nur Kinder herzlich glücklich machen,Und Kinder glücklich machen ist so leicht.Rudolf Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Neue Welt Nr.7, S.167, Goldhausen, Leipzig, 1883
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weihnachten (Lavant)“, Fassung 3.544.087 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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