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Versbuch

Das Jahr

Rudolf Lavant · 18441915

60 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Ob Sonnenschein den Lenztag auch erfüllt,Noch weht’s von Ost und jagt den feinen Staub,Und in der Knospe zögert scheu verhülltDas junge Laub.

Da geht der Wind, indeß ums AbendlichtEin Schleier weht, herum nach Westen sacht –Es regnet warm, es regnet still und dichtDie lange Nacht.

Aus seiner Hülle ringt vor diesem KußDas Blättchen sich in zärtlichem Bemühn,Und an dem Morgen nach dem nächt’gen GußIst Alles grün.

Der Tag ist schwül – von Tropfen perlt die Stirn,Verschmachten will die Welt im Sonnenbrand,Die Lippe lechzt, gelähmt ist das GehirnUnd schlaff die Hand.

Da baut sich’s auf, gespenstisch, ohne Ton –Geschwader jagen in die Wolkenschlacht;Der Donner rollt und fahle Blitze lohnDie lange Nacht.

Den Boden tränkt und labt der nächt’ge Graus,Das Wiesenthal, den Hag, den busch’gen Bühl,Und trittst am Morgen spähend du hinaus,Ist Alles kühl.

Die Nebel treiben dicht und gelblich grauIn Wald und Feld verdrossen sich umher –Sie gönnen deinem Blick kein Stückchen BlauDes Himmels mehr.

Da fährt’s in kurzen Stößen in den Wust,Da kreischt die rost’ge Fahne auf dem Thurm,Da heult und tobt und braust in wilder LustDes Herbstes Sturm.

Zerblasen wird, was dir ein HindernißBei jedem deiner Athemzüge war –Nach solchen Nächten, dessen sei gewiß,Ist Alles klar.

Frosthart die Erde, blätterlos der Forst,Und schneidend geht die Luft durch Mark und Bein;Die Krähe zieht mit Hungerschrei vom HorstZur Stadt hinein.

Da treiben, sichtbar kaum, im scharfen WindDie Federflöckchen leicht und zart und irrUnd endlich schneit es rastlos, grau und lindUnd stumm und wirr.

Die warme Decke breitet still und dichtDer Winter übers Land, wie auf Geheiß,Und in des nächsten Morgens mattem LichtIst Alles weiß.

Ich sagte gerne: „Siehe da, ein BildDes Daseins, das uns das Geschick verleiht,Es löst und hebt sich Alles friedlich mildZu seiner Zeit.“

Mir fehlt der Muth, der solche Worte schreibt;Oft bleibt der Regen und des Sturms Gebraus,Oft bleibt des Wetters Flammen und es bleibtDer Schnee selbst aus.

Das aber weiß ich: Was Erlösung jeVon dumpfem Druck, von Kampf und Qual gebracht,Von starrer Pein und wortelosem Weh,Kam – über Nacht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Jahr“, Fassung 3.534.795 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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