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Versbuch

Weihnachtsabend

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1886

Ihr sucht umsonst ihn im Palaste,Den Friedensgeist der heil’gen Nacht;Vergebens ruft man ihn zu GasteZu eitlem Prunk und hohler Pracht.Er macht, bekümmert abgewendet,Vor breiten Marmorstufen Halt,Und wie ihr auch die Augen blendet ―Die Herzen bleiben leer und kalt.

Er sucht die allerengsten Räume,Die er mit seinem Licht verschönt ―Da findet er die KinderträumeIn Herzen, die noch unverwöhnt;Da kann er seine Einkehr haltenBei Nadelduft und Kerzenschein,Da kann das Märchen freundlich waltenUnd König und Gebieter sein.

Da machen arme, kleine GabenNoch Tausende unendlich reich,Und was wir einst gelesen habenVom Nazarener sanft und weich,Daß er mit wenig Fisch und BrotenDen Hunger Tausender gestillt ―Es wird das Wunder uns gebotenNun als ein Gleichnis und ein Bild.

Das ist, wie aller Weisheit Ende,So auch der Zauber dieser Nacht,Daß man ein Kind mit kargster SpendeNoch unaussprechlich selig macht,Daß man es führt in Märchenhallen,Wenn man zurück den Riegel schiebt,Daß es als glücklichstes von allenSich fühlt, wenn man es wahrhaft liebt.

Die Weihnacht wird ein Freudenbringer,Das Herz des Kindes jauchzt und bebt,Wo lang zuvor mit derbem FingerDer Vater schnitzelt, pappt und klebt,Wo lang zuvor die treue MutterGenäht mit nimmermüder HandUnd schließlich für der Mütze FutterNur Zeit zu großen Stichen fand.

Sei’s immerhin ein armer, schlichter,Ein karger Tisch an diesem Fest!Die Kinder sind geborne DichterUnd träumen spielend sich den Rest.Die Kleine, die den bunten PlunderDer Puppe an ihr Herzchen drückt ―Wer weiß, ob je ein MarmorwunderSie auch nur halb so tief entzückt!

Der Knabe dort ― er spornt von hinnen,Er streichelt froh sein struppig Roß;Er schmückt mit Thürmen und mit ZinnenPhantastisch sich ein Zauberschloß.Die Klötzchen sind aus schlechtem Holze,Mit denen er das Wunder baut ―Doch ob er je mit gleichem StolzeAuf Werke seiner Hände schaut?

Und weiter wirkt, ein stiller Segen,Die Weihenacht sein LebelangUnd ihr Gedenken kühlt wie RegenNach Staub und Glut auf weitem Gang.Das wahre Glück, das Glück der WeisenVergoldet ihm den trübsten TagUnd reicher darf er kühn sich preisen,Als der in goldner Wiege lag.

Rudolf Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1886
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weihnachtsabend (Lavant)“, Fassung 4.167.520 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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