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Versbuch

Wie wir uns unsere Leser wünschen

Rudolf Lavant · 18441915

73 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1880

I.Im Salon.

„Mein Herr Gemahl, ich möchte schmollen!Ich warte auf den MorgenkußUnd finde Sie im ruhevollenGenuß des neuen „Omnibus“?Es war doch sonst KalenderlesenNicht Ihre Art, mein Herr Gemahl;Ich bin umsonst beredt gewesen,Wenn ich den meinen warm empfahl.“

„Ja, siehst Du, Anna, auf die meistenThu ich von vornherein Verzicht.Man schlägt sie über einen LeistenUnd das ― nun ja, das lockt mich nicht.Hier bringt dem Volk man Langentbehrtes ―Die Leute blicken hoch und weit;Das Heft ist ein bemerkenswerthes,Willkommnes Zeichen mir der Zeit.“

II.Im Studirzimmer.

„Das ist fast komisch doch im Grunde!Das Heft, das auf dem Pult ich fand,Ich nahms in einer müßgen StundeMitleidig lächelnd in die Hand ―Und stehend les‘ ich immer weiter,Erfreut durch manches hübsche Wort;Ich werde weich, ich werde heiterUnd ohne Ende zieht’s mich fort!

Hier find ich doch ein ernstes Streben,Ein treues für die Wahrheit Glühn!Man will dem Volk das Beste gebenUnd der Erfolg krönt das Bemühn.Was wir im Hörsaal schüchtern sagen,Wohl auch in Büchern von Gewicht ―Hier wird‘s ins Volk hinausgetragen,Beherzt und unverblümt und schlicht.“

III.In der Schlafstelle.

„Das ist doch endlich ein Kalender!Und nach des Tages Last und QualStudir‘ ich den BelehrungsspenderDes Abends nun zum dritten Mal.Die Zeitung schreiben alte WeiberUnd was sie fabeln, das ist Quark;Wie anders die Kalenderschreiber ―Das hat doch Kraft und Saft und Mark!

Das ist, wie wenn die Vögel pfeifenIm Frühling, wenn der Schnee zergeht;Die wissen tüchtig zuzugreifenUnd schreiben so, daß man’s versteht.Hätt‘ ich sie hier, es kriegte jederVon mir mit Freuden einen Kuß ―Schreibt nur, ihr Männer von der Feder,Noch manchen solchen Omnibus!“

IV.In der Bauernstube.

„Ja, Weib, das ist nicht zu bestreiten,‘s ist anders, wie der Pfarrer spricht,Wenn über die verderbten ZeitenDen Stab er auf der Kanzel bricht.Er spricht schon anders in der SchenkeUnd ― ist denn auch nur er gescheut?Drin in den Städten ― schau, ich denke,Da wohnen auch noch kluge Leut‘.

Man grübelt auch und stellt sich FragenBei Regen und bei Sonnenschein,Und vieles, was die Leute sagen,Ist neu, mir aber leuchtet’s ein.Am Tag regieren Pflug und Besen ―Man hat halt weiter keine Wahl,Doch Abends muß Marie uns lesenDas Alles hübsch zum zweiten Mal.“R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Fink, Leipzig, 1880
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wie wir uns unsere Leser wünschen“, Fassung 3.153.528 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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