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Versbuch

Zum Abschied

Rudolf Lavant · 18441915

57 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(Letzte Nummer des „Sozialdemokrat,“ 27. Sept. 1890.)

Ihr habt über ihn das Exil verhängt,Ihr Ritter von Bibel und Säbel;Ihr habt an den Fuß ihn der Gletscher versprengtUnd in Englands stickige Nebel;Doch hat er sich allzeit der Feinde erwehrt –Wo immer er stand auf der Warte,Es blieb ihm das scharfe, das blitzende SchwertUnd die flatternde rothe Standarte.

Ihr habt ohne Rast, ohne Ruh bis zuletztMit der kläffenden, geifernden MeuteDen stolzen Verfehmten gejagt und gehetzt –Wann ward er dem Kleinmuth zur Beute?Ihr habt ihm die Pässe verbaut und verstellt,Gelauert auf Wegen und Stegen,Und schwirrende Pfeile vom Bogen geschnellt –Wann ist der Verfolgte erlegen?

Er hat die Gebote der Wahrheit, des RechtsMit hallender Stimme verkündigtIm Namen des armen, des wehrlosen Knechts,An dem ihr euch dreifach versündigt;Und ließt ihr auch wirbeln bei Tag und bei NachtDie Trommeln in machtlosem Grimme –Wann habt ihr sie jemals zum Schweigen gebracht,Die eherne, drohende Stimme?

Er streute den Samen trotz Bann und trotz Acht,Der tief in die Seelen gesunken;Er hat sie zu wehender Flamme entfacht,Die scheinbar ersterbenden Funken;Er hat eure prahlenden Dämme zerwühlt,Daß sie barsten im Anprall der Fluthen;Wann hat er die Arme erlahmen gefühlt,Wann erloschen im Herzen die Gluthen?

Er hegte und pflegte den zartesten Keim,Es durfte das Hoffen nicht kranken;Er bot allen Kühnen und Freien daheimDie Freistatt für trotz’ge Gedanken;Er hat die mahnenden Zeichen der ZeitDen Schwankenden, Bangen gedeutet,Er hat die Fanfaren geblasen zum StreitUnd die Glocken zum Sturme geläutet.

Und nun er gebrochen, der lastende Bann,Und der heilige Volkszorn gewettertUnd den gestern noch hochmuthgepanzerten MannVom Sessel der Ehren geschmettert, –Nun zum offenen Kampf, der so lange verwehrt,Sie das Recht jetzt errungen sich wieder,Nun legen getrost wir Standarte und SchwertIn die Hände der Siegreichen nieder.

Ihr habt unsern Händen sie anvertraut,Um in finsteren, stürmischen TagenDen alten Kampfruf in trotzigem LautWeithin in die Lande zu tragen. –Und was, als ihr so uns zu Kämpfern erhobt,In des Fahnentuchs purpurne FaltenWir einst euch mit Händedruck schweigend gelobt, –Wir glauben, wir haben’s gehalten!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zum Abschied“, Fassung 3.492.306 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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