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Versbuch

Zu spät!

Rudolf Lavant · 18441915

40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Ich habe kaum ein Wort mit dir gesprochen,Ich habe kaum ins Auge dir gesehn,Und dennoch hast du meinen Stolz gebrochen –Ein süßes Wunder ist an mir geschehn;Doch ward die Saat des Glückes, kaum entsprossen,Von scharfer Sichel nieder auch gemäht –Wir werden nicht durchs Leben als GenossenVereinigt gehn. Wir finden uns zu spät!

Du solltest nicht an meiner Stimme ZitternMein Leid errathen, deiner Anmuth Sieg.Du sahst die Blätter zaudernd mich zerknittern;Ich sollte lesen, – mochte nicht und schwieg.Es mied mein Blick, in Scheu gesenkt, den deinen;Ich weiß zu gut, wie viel ein Blick verräth,Und uns, mein Kind – ich sag’s und möchte weinen –Uns winkt kein Glück. Wir finden uns zu spät.

Hast du geahnt, was schweigend ich empfunden?Hat sich die Trauer auch in dir geregt?Sag’ nein, mein Kind! Sonst hätten diese StundenAn deines Friedens Baum die Axt gelegt.Doch ach, ich weiß, du hättest meinem WerbenVoll Lust gelauscht und nimmer mich verschmäht.Du nickst mir schluchzend? Traurig ist zum SterbenDies eherne: „Wir finden uns zu spät.“

Ich ging von dir, die Linke auf dem Herzen;Die Nacht durchirrt’ ich ohne Ziel und WegUnd in des Wildbachs Tosen sah in SchmerzenIch düster nieder von dem schwanken Steg.Aufs Lager sank ich hilflos und zerrissen,Und als der Hahn schon manches Mal gekräht,Da stöhnt’ ich noch auf thränenfeuchten KissenMit bleichem Mund: „Wir finden uns zu spät!“

Ich muß dich fliehn, um so vielleicht zu wahrenDen lieben Augen ihren lichten Schein;Ich geh’ entgegen freudenlosen Jahren,Doch sollst du ewig mir gesegnet sein.Vor meinem Blicke wird dein Antlitz stehen,Wehmüthig-lieblich, ernst und still und stät –Und wenn dir Nachts die Augen übergehen,Sprich’s leise mit: „Wir fanden uns zu spät!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zu spät!“, Fassung 3.581.223 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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