Wir müssen’s glauben, doch ist’s schwer zu fassen
Rudolf Lavant · 1844–1915
51 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1901
†
An Hermann Richter.
26.Januar 1886.
Wir müssen’s glauben, doch ist’s schwer zu fassenDaß in des einen kurzen Jahres FristDer Vierte schon von uns geschieden ist,Der Vierte schon auf immer uns verlassen;Am Schwersten aber wird es, zu verstehen,Am Schwersten aber geht’s dem Herzen ein,Daß grade Dich im WeihnachtskerzenscheinZum letzten Male lebend wir gesehen.
Erschüttert standen wir an Deiner LeicheUnd manches Freundes Blut gerann zu Eis;Du warst ja immer für den Freundeskreis,Was für den grünen deutschen Wald die Eiche.Um eines Hauptes Länge hat der Starke,An den sich auch der Kühnste nicht gewagt,Die starken Freunde Alle überragt,Gesund und fest, so schien’s, im tiefsten Marke.
So oft von unsern Eichen wir gesungen,Den Eichen „frei und unerschütterlich“,Sah auch ein Jeder frohen Blicks auf DichUnd hat bewundernd mit Dir angeklungen.Wer, wenn nicht Du, bracht’ es zu hohen Jahren?Doch daß kein Blick im Buch der Zukunft lasUnd alle Kraft vergänglich wie das Gras,Wir haben schmerzlich es an dir erfahren.
Ein Blitzstrahl warf die Eiche zu den Toten.Wir sahn den Sturm, der ihre Krone bog,Und als das schwere Wetter sich verzog,Lag sie entwurzelt und gefällt am Boden.Es konnte Nichts aus Deiner Not Dich retten,Und was uns Thränen in die Augen treibt,Ist, daß nur Eins den Freunden übrig bleibt –Zu Deiner Mutter sorglich Dich zu betten.
Ihr starkes Kind bringt man zu ihr getragen;Es liegt ein tiefer Sinn in diesem Wort,Denn eines Kindes Herz hat fort und fortIn dieses Riesen breiter Brust geschlagen.Er ist sich gleich von Jugend auf geblieben,So gut und treu und harmlos wie ein Kind,Wie es die Stärksten noch am Ersten sind,Und die ihn kannten, mußten ihn auch lieben.
Es ist vorbei. Wir nagen mit den ZähnenDie Lippen wund in unterdrücktem Schmerz;Es wird uns allen winterlich ums HerzUnd heiß im Auge brennen uns die Thränen.Ich kann nicht mehr. Das Wort stockt in der Kehle,Wenn man in solcher Stunde überdenkt,Wie Viele wir nun schon hinabgesenkt ...Schlaf wohl, Du Riese mit der Kinderseele!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Eichenlaub und Fichtenreis, 1. Auflage, Verlag von Wilhelm Achilles, Leipzig-Eutritzsch, 1901
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wir müssen’s glauben, doch ist’s schwer zu fassen“, Fassung 1.505.569 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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