Vor dem Zuchthause
Otto Ernst · 1862–1926
72 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Ein düst’rer Steinkoloß ragt in die SchattenDer Nacht hinauf. Die grauen Wände starrenGespensterhaft empor, und sie umflattert,Aufzuckend hier und da, ein fahler SchimmerDer Gaslaterne, die im Hofe brenntUnd deren Glas von Sturm und Regen klirrt.Auf harten Steinen gellt der Tritt der Wache;Von Eisengittern starren tote Fenster –Ein Zuchthaus. –
Ein scheußlich Ungeheuer, brütet esIn dumpfer Finsternis und haucht Verdammnis.In später, dunkler Nacht schreit’ ich vorüberEinsam und stumm. Doch tief geheimes GrauenDurchfröstelt mein Gehirn. – Ein öder FriedhofIst gegen diese stille MenschenwohnungEin lächelnd schöner Paradiesesgarten,Ist eine Stätte süßer Lust, verglichenMit diesem Grabe der Lebendigen. –Wir schreiten leichten Fußes dran vorüber,Behaglich eingehüllt in unsre MäntelUnd in den warmen Frieden unsrer Tugend.Wir wandeln durch den hellen SommertagUnd unterm Sternenglanz der Winternächte –Und über unser Antlitz fliegt kein Schatten.Wir drehen uns im kerzenhellen SaaleZum lust’gen Schall der Geigen und Trompeten,Wir schlürfen lachend aus kristall’nen BechernDen roten Wein, daß er das Hirn durchgluteMit holden, wundersamen Phantasien –Und über unser Antlitz fliegt kein Schatten.Wir wärmen uns am stillen Herd des HausesUnd ziehen an die Brust das schöne HauptDes friedlich-sanften Weibes und der KinderVom Jugendsonnenglück umstrahlte Häupter –Und über unser Antlitz zieht kein Schatten.Wer aber diesem steinernen GespenstIn sturmzerriss’ner Nacht vorüberschreitet,Dem bohrt sich ein Gedanke tief ins Hirn,Und in das Ohr raunt ihm ein Unsichtbarer:„Sieh diese Stätte schuldbeladnen ElendsUnd überschlag’ den Wert der eignen Tugend!Wer fiel von diesen, deren KlagerufAn unbarmherzig kalte Mauern gellt –Wer fiel in Schande, weil du mitleidlosAn seinem Jammer einst vorübergingst,Als er noch gut war, doch vom Glück verlassen?Wer fiel in Schande, weil du ihn verkannt?Wer fiel in Schande, weil du seiner JugendIn frevlem Leichtsinn eitle Lehren gabst,Die abwärts führten, statt hinauf zum Lichte?Wer fiel in Schande, weil du lässig warst,Zum Guten ihn zu führen, seine SeeleMit reinem Himmelslichte zu erfüllen,Weil du in Faulheit deines eignen WohlseinsBehaglich nur gewartet und sein HerzDalag, ein toter Acker, nur bedecktVom Herbstesnebel eines öden Daseins?O ihr, ihr Glücklich-Tugendsamen, Reinen!Klebt euer Schuh, wenn er zum Tanze hüpft,Nicht fest zuweilen an dem glatten BodenVom Blute eines Mords? – Dringt nicht zuweilenDurch alle Wohlgerüche eurer Gärten,Durch eurer Kammern liebliches AromDer scharfe Pesthauch einer eklen Sünde? – –
Die ihr das Haupt so frei zum Himmel hebt,Vergeßt mir nicht in eurem guten Herzen,Daß hinter diesen grauen KerkermauernEin redlich Teil von eurer Sünde wohnt,Und laßt in eurem Innern widerhallenDen wilden Schmerzensschrei der hier Begrabnen,An deren Fuß die schwere Kette klirrtUnd die verdammt sind – auch um eure Schuld!“ –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 65–67, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vor dem Zuchthause“, Fassung 1.623.336 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
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