Wintermärchen
Otto Ernst · 1862–1926
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Auf dem Baum vor meinem FensterSaß im rauhen WinterhauchEine Drossel, und ich fragte:„Warum wanderst du nicht auch?
Warum bleibst du, wenn die StürmeBrausen über Flur und Feld,Da dir winkt im fernen SüdenEine sonnenschöne Welt?“
Antwort gab sie leisen Tones:„Weil ich nicht wie andre bin,Die mit Zeiten und GeschickenWechseln ihren leichten Sinn.
Da die wandern nach der SonneRuhelos von Land zu Land,Haben nie das stille LeuchtenIn der eignen Brust gekannt.
Mir erglüht’s mit ew’gem Strahle– Ob auch Nacht auf Erden zieht –,Sing’ ich unter FlockenschauernEinsam ein erträumtes Lied.
Wundersamer Trost in Schmerzen!Doch nur jene kennen ihn,Die in Nacht und Sturm beharrenUnd vor keinem Winter fliehn.
Dir auch leuchtet hell das Auge;Deine Wange zwar ist bleich;Doch es schaut dein Blick nach innenIn das ew’ge Sonnenreich.
Laß uns hier gemeinsam wohnen,Und ein Lied von Zeit zu ZeitSingen wir von dürrem AsteJenem Glanz der Ewigkeit.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 12–13, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wintermärchen“, Fassung 1.623.310 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.